Gewaltmonopol

Wer ernsthaft der Meinung ist, Polizeigewalt würde rechtfertigen, einen Applestore zu plündern (oder wer der Meinung ist, dass Kapitalismus zwar Scheiße ist, ein neues gratis iPhone für ihn/sie selbst aber voll knorke), bewegt sich meiner Ansicht nach so weit außerhalb einer sinnvollen politischen Position, dass ich wenig Lust habe, mich mit einer solchen Person länger auseinanderzusetzen.

Wer ernsthaft der Meinung ist, dass man die Handlungen der Polizei nach einem Einsatz wie dem zum G20-Gipfel in Hamburg nicht hinterfragen darf, ebenfalls. Wer der Meinung ist, dass alles, was die Polizei in Hamburg getan hat, rechtmäßig und verhältnismäßig war, den bitte ich, darzulegen, welche hypothetischen Aktionen der Polizei denn als inakzeptabel empfunden würden.

(Komisch übrigens, dass ich in meiner mit Sicherheit eher linkslastigen Filterblase die erste Meinung nie, die zweite aber sehr häufig gelesen habe.)

Dazwischen ist viel Grauzone. Grundsätzlich kann man sagen: Die Polizei ist Teil der Exekutive, sie setzt also Gesetze (und Verordnungen und so) durch, sie bestraft aber nicht. Dafür gibt es die Judikative, also die Gerichtsbarkeit. Nun gibt es Berichte darüber, dass Polizisten sehr wohl die Bestrafung von Einzelnen in die eigene Hand genommen haben. Ich kann nicht verstehen, wieso so viele Leute darauf entgegnen, dass man das nicht kritisch hinterfragen dürfe.

Jeder einzelne Polizist, und insbesondere die Interessensvertretungen der Polizeibediensteten, sollte ein Interesse daran haben, diesen Vorwürfen nachzugehen. Von vorneherein behaupten, dass es keinerlei Fehlverhalten gegeben haben kann, ist unsinnig. (Nein, das ist nicht richtig: wenn ich mir die Berichterstattung in den Medien angucke, macht das viel Sinn. Es ist aber offensichtlich falsch.)

Aber das betrifft nur das Verhalten einzelner Akteure. Viel wichtiger wäre es, ebenso wieder besonders von den Polizeigewerkschaften, zu hinterfragen, wie der Einsatz am Wochenende geplant wurde. Denn die Einsatzplanung, inklusive der polizeilichen Rhetorik und der Räumung von genehmigten Protestcamps vor dem Gipfel, hat direkten Einfluss auf die Aktionen während der Demonstrationen. Direkte Einwirkungen auch auf das Wohlergehen derjenigen, die die Gewerkschaften vertreten und schützen sollten. Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wieso die Polizisten vor Ort nicht von ihren Vorgesetzten verlangen, dass ein Einsatzkonzept geschrieben wird, dass auch bei Widerstand einzelner ohne komplette Eskalation auskommt. Letztlich sind die allermeisten Polizisten und Polizistinnen, die zum Einsatz kamen, auf dem Boden die Dummen, die es tatsächlich niemandem Recht machen können. Und darum sind sie nicht zu beneiden.

Update, 11.7.: Das Nuf hatte sehr ähnliche Gedanken wie ich, nur wesentlich schöner aufgeschrieben.

Demonstrationsfreiheit

Eins vorweg: Den Pendlerverkehr auf der Bahn lahmzulegen, Kleinwagen anzünden, Schaufensterscheiben einzuschlagen und auch Steine auf Polizisten zu werfen sind keine akzeptablen Protestformen. Gewalt ist niemals ok, nicht gegen Sachen, nicht gegen Menschen. Niemals. Ok?

Am aktuellen Wochenende findet der G20-Gipfel in Hamburg statt. Dieses eine, große Symbol für eine globalisierte, kapitalistische Welt bringt die Staats- und Regierungschefs der 20 größten Industrieländer zusammen. In einer Großstadt, weil der Welt gezeigt werden sollte, wie toll Deutschland das organisieren kann, ohne dabei die Grundrechte der Bevölkerung einzuschränken. Die Welt zu Gast bei Freunden!

Das hat schon im Vorfeld nicht so richtig gut geklappt: Eine riesige Demonstrationsverbotszone wurde eingerichtet, weil die Konvois der Ausländischen Gäste ungehindert durch das Stadtgebiet rollen müssen. Man könne nicht riskieren, dass die Konvois stehen blieben, denn wer weiß, wie dann die Bodyguards reagierten? (Das Prinzip kennen wir von Privatisierungen: Wir geben eine eigentlich hoheitliche Aufgabe des Staates in fremde Hände, über die wir keine politische (legislative) Kontrolle mehr haben und argumentieren die Probleme als „Sachzwänge“ weg.) Dann wurde ein Protestcamp, das gerichtlich auch für Übernachtungen genehmigt wurde, gewaltsam von der Polizei geräumt, weil Zelte darauf standen und Übernachtungen verhindert werden müssten.

Aber nach all dem Vorgeplänkel standen sich dann zwei recht ähnliche Gruppen gegenüber: die Mehrheit in beiden hat ein sehr berechtigtes Anliegen – Recht und Ordnung zu bewahren auf der einen Seite, der politischen Überzeugung friedlich Gehör zu verschaffen auf der anderen. Beides Rechte, die die jeweiligen Gruppen laut Grundgesetz wahrnehmen dürfen. Auf beiden Seiten gibt es aber Menschen, die offensichtlich andere Ziele verfolgen: Vandalismus hier, Machtmissbrauch da, mutwillige, unprovozierte Körperverletzungen auf beiden Seiten. Die Fehler der anderen Seite dienen dabei als willkommene Rechtfertigung für die eigenen Exzesse.

Da ich (zum Glück!) nicht vor Ort war, versuche ich mir ein Bild zu machen, anhanddessen, was die beteiligten Akteure selbst sagen. Zunächst einmal die Presse, zitiert von @NiemaMovassat auf Twitter:

Bild, NDR, WDR und Deutschlandfunk sind sich in ihrem Urteil einig, dass die Gewalt, die die Polizei angewendet hat, unverhältnismäßig war. Aber ich weiß, muss ich ehrlich gestehen, nicht genug über die zitierten Journalisten, um einschätzen zu können, wie gut sie denn die Lage bei einer solchen Demonstration beurteilen können. Vielleicht hat die erfahrene Polizei andere Erkenntnisse, andere Einschätzungen? Fragen wir die Polizei (zitiert von @hanvoi):„…Durch die Vermummung eines Teils der Kundgebungsteilnehmer habe sich der Protest in ein ‚unbeherrschbares Sicherheitsrisiko’ verwandelt[…] Er bestritt nicht, dass die Proteste bis dahin friedlich geblieben waren. Bei Vermummung könne man aber davon ausgehen, dass Straftaten verübt würden.[…]“

Die Proteste waren also friedlich, aber einige wenige vermummte Teilnehmer haben der Polizei die Möglichkeit Berechtigung Ausrede gegeben, massiv mit Gewalt gegen alle Teilnehmer vorzugehen. Weil aus Vermummung die Vorbereitung zu einer Straftat folge. Folgt man erstmal diesem Argument, dann reicht ein einziger vermummter Teilnehmer einer Demonstration aus, um alle anderen Demoteilnehmer mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken zu „behandeln“. Dass das exzessiv ist, finde nicht nur ich. Dass es genau in das Klischee der Polizei spielt, dass der gleiche Maßstab nur bei linken Demos und nicht bei rechten angewendet wird, ist eine andere Sache.

Gewalttaten, die danach gefolgt sind, können nicht mehr losgelöst von dieser Tat betrachtet werden. Auch ohne das hätten sicher auch private Kleinwägen gebrannt, wären Fenster von Lebensmittelläden eingeschlagen worden. Aber in welcher Heftigkeit das passiert wäre, kann niemand mehr sagen. Was die Bundeswehr gleichzeitig in Hamburg sucht, ist noch eine ganz andere Frage.

Nun kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Polizei davon ausgegangen war, dass auf der ganzen Demo kein einziger vermummter Teilnehmer anwesend sein würde. Dass alle Vermummten der Aufforderung der Polizei, sich zu entmummen, Folge leisten würden. Wieso reagiert die Polizei dann aber so unsouverän und exzessiv? Hätte ein Einsatzkonzept für diesen Tag nicht zwingend beinhalten müssen, wie man mit Vermummten im Zug umgeht und trotzdem die Durchführung der Demonstration gewährleisten kann? Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Einsatzleitung zu dem Teil gehört, der nicht nur Recht und Ordnung sicherstellen will (und mithin den verfassungsgemäßen Auftrag erfüllt), sondern der Gewalt sehen, Gegenschläge provozieren will.

Egal, was passiert ist, egal wie viele Kollegen vorher Böller, Tritte, Beleidigungen abgekriegt haben, nichts davon rechtfertigt den Gewalteinsatz, den man in diesem Video ab Sekunde 53 sehen kann. Nun hat die Polizei das Gewaltmonopol und durchaus auch das Recht, Gewalt einzusetzen, um Straftaten zu verhindern und die Täter der Justiz zuzuführen. Aber das geschieht hier nicht; der verprügelte Mann wird nach den Schlägen und Tritten weggelassen. Hier sollte einfach nur Gewalt gegen einen Demonstranten eingesetzt werden, aus einer Position der Macht heraus. Gleiches gilt für die Aktion in diesem anderen Video. Wer dies mit dem Hinweis auf die Stresssituation zu erklären versucht, verkennt, welchen Auftrag die einzelnen Polizisten und die Einsatzleitung haben: Für Sicherheit, Recht und Ordnung zu sorgen. Wer das nur so lange kann, wie er (oder sie) nicht gestresst ist, hat in Uniform und mit Waffe nichts zu suchen.

Aber auch abseits des „heißen“ Geschehens geht das fragwürdige Verhalten der Polizei weiter. So berichten Journalisten von verschiedenen Ecken der Stadt über Repressalien gegen die Presse. Akkreditierungen werden von der Polizei für ungültig erklärt (nicht verweigert: die Journalisten waren akkreditiert, um vom G20-Gipfel zu berichten, und sind es nun plötzlich nicht mehr), Journalistinnen ohne Kamera werden nicht als solche anerkannt und dann sexistisch beleidigt, werden getreten, und Sondereinsatzkommandos zielen mit Maschinengewehren auf Journalisten, um sie zu vertreiben.

Falls das nicht Teil des Einsatzkonzeptes war, muss man Fragen, wie es zu so etwas kommen kann. Falls doch, muss es strafrechtliche und politische Konsequenzen geben. Und so ist das Sahnehäubchen des Tages auch ein politisches: Der Chef der Freiheitlich Demokratischen Partei kritisiert, dass eine Politikerin, selbst Polizistin, die Einsatzstrategie der Polizei neben der Verurteilung der Gewalt der Demonstrierenden hinterfragt und kritisiert. Aber der Chef einer Bürgerrechtspartei ist der Meinung, dass man die Polizei mal machen lassen muss, egal, was sie tut: Der Polizei muss man den Rücken stärken. Egal, was sie tut. Und wohlgemerkt, nicht die Arbeit der Polizisten vor Ort, sondern die taktischen Entscheidungen der Polizeiführung hat sie verurteilt – wie gesagt, mitsamt den Ausschreitungen der Demonstranten. Da sind wir wieder beim Wahlkampf angelangt.

Update, 9.7.: Links zu tagesschau.de und @Janine_Wissler eingefügt. Außerdem hat der Spiegel den besten Artikel zu dem Thema, den ich bisher gelesen habe.

Wahlkampf für alle

Es ist Wahlkampf. Die Parteien haben ihre Wahlprogramme verabschiedet oder wenigstens den Entwurf der Parteispitze dazu veröffentlicht, und jetzt beginnt die öffentliche Diskussion über die Inhalte und deren Für und Wider.

Harr harr harr. Natürlich beginnt vor allem das gegenseitige bewusste Falschverstehen, das Skandalisieren, das bewusst Dinge Unrichtig-aber-nicht-komplett-gelogen-Darstellen. Von allen Seiten. Ein Beispiel dafür ist die Ehe für alle, die nun eigentlich gar kein Wahlkampfthema mehr sein sollte. Nachdem die Grünen festgelegt hatten, es werde keine Koalition mit ihnen, aber ohne die Ehe für alle geben, und nachdem die Linken, die FDP und schließlich auch die SPD sich dieser Forderung angeschlossen hatten, war klar, dass es im Herbst keine Koalition werde geben können, die keine Ehe für alle beinhaltet. Die Union wollte geschickt am Ende der Legislaturperiode das Thema aus dem Weg räumen und von einer Gewissensentscheidung (des nächsten Bundestages) reden, sodass die Oberen ihr Gesicht wahren können und nicht wirklich zustimmen, aber dem Gesetz – und einer Koalition – nicht im Wege stehen. Aus einem dummen Zufall wurde Kanzlerin Merkel dann aber, etwa eine Woche vor der letzten Sitzung im Bundestag, genau danach gefragt. So zu tun, als hätte sie noch die gleiche Meinung wie vorher, „mit mir nicht,“ hätte einen Meinungsumschwung eine Woche später sehr unglaubwürdig dastehen lassen. Stattdessen stammelt sie etwas zusammen, denkt wahrscheinlich im Stillen, dass der Fahrplan für die letzte Sitzungswoche eh steht und alles in Ordnung ist.

Nun, der Rest ist Geschichte: die SPD fragt sich, warum eine Gewissensentscheidung erst nach der Wahl dazu werden sollte und setzt den Antrag des Bundesrates, den sie schon drei Jahre lang vertagt hat, doch noch auf die Tagesordnung. Die Union beschwert sich, dass ein Gesetzesentwurf, der, wie gesagt, seit drei Jahren vorliegt, und zu dem das Bundesverfassungsgericht vor ein paar Wochen noch geurteilt hat, dass darüber nicht abgestimmt werden müsse, weil er doch so ausführlich diskutiert wurde und das doch auch reiche, so ein Gesetzesentwurf also sei zu neu und überraschend, um sich innerhalb von einer Woche eine persönliche Meinung bilden zu können. Nun, der Entwurf wird am letzten Sitzungstag abgestimmt und die Ehe für Alle gilt als beschlossene Sache.

Und die SPD feiert sich dafür, dass… äh… also… dass sie drei Jahre den Arsch nicht in der Hose hatte, die Gesetzesentwürfe abzulehnen, sondern vorhatte, sie einfach unbehandelt dastehen zu lassen, sodass sie das Gesetz zwar verhindert, aber nicht technisch gesehen abgelehnt hatten. Es gab kein Kalkül der SPD, keine Aussicht auf Verabschiedung in dieser Legislaturperiode; die Koalition sollte nicht gefährdet werden. Aus reinem Glück also konnte nun eine zufällige Frage an die Kanzlerin dazu führen, dass ein noch nicht behandelter Gesetzesentwurf verabschiedet werden konnte.

Dafür kann man sich nicht feiern lassen, SPD. Ihr hattet Glück.

Die Geschichte ist damit aber nicht zu Ende: Der verabschiedete Gesetzesentwurf war eine Initiative aus dem Bundesrat, und daher hat dieser die Möglichkeit, auch noch was dazu zu sagen. Und hier fliegen nun die Fetzen zwischen den Parteien: Die Grünen werfen Christian Lindner, dem Frontmann der FDP in Bund und in NRW vor, dass seine neue Koalition mit der CDU in NRW nicht den Ansprüchen genügt, die er (nach deren Aushandlung) für eine Koalition auf Bundesebene angekündigt hat: NRW würde sich bei der Ehe für Alle im Bundesrat enthalten. Der Verweis auf die Jamaica-Koalition in Schleswig-Holstein ist natürlich dabei; dort ist die gleiche Konstellation wie in NRW, nur plus Grüne und plus Ehe für Alle-Zustimmung. Grün wirkt! Oder?

Gleichzeitig ätzt nämlich die hessische SPD gegen die hessischen Grünen, dass die Hessische Landesregierung dem Gesetz im Bundesrat auch nicht „zugestimmt“ habe. Einziger Haken: Der Bundesrat darf Einspruch erheben und den Vermittlungsausschuss anrufen, muss aber nicht zustimmen. Weder „ja“, „nein“ noch „Enthaltung“ sind möglich: Klappe halten bedeutet in dem Fall Zustimmung.

Der Weg, jedenfalls, ist nun frei, damit der Bundespräsident unterschreiben kann und das Gesetz zum 1. Oktober in Kraft treten kann. Ich freue mich darauf. Und sobald es einmal Gesetz ist, wird es sehr schwer, das wieder zurückzudrehen, vor allem, weil das einzige halbwegs sinnvolle Argument gegen die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partner*innen eigentlich auch Frauen nach der Menopause von der Schließung (einer neuen) Ehe ausschließen müsste: dass eine Ehe nämlich nur dann schützenswert sei, wenn auf biologischem Wege daraus Kinder entstehen könnten. Nun, mal sehen, wie lange sich dieses Zombie-Nichtargument noch halten wird.

Elternzeit

Kevin-Alf ist nun ein halbes Jahr alt. Und zu diesem Anlass bin ich nun für das nächste halbe Jahr in Elternzeit gegangen, meine bessere Hälfte arbeitet wieder. Und insgesamt ist das ein guter Anlass, mal übers Vatersein zu schreiben.

Kevin-Alf wird mit Stoffwindeln gewickelt, doch bis wir das alles zusammenklamüsert haben – was braucht man genau, was wäre noch gut, wieviele, welche Marken – hatte das etwas gedauert. Doch mittlerweile hat man sich wirklich gut daran gewöhnt. Wenn ich von einer Windellebensdauer von zwei Jahren ausgehe, überschlage ich Kosten von etwa 8 Cent pro Windel, oder 23 Cent für die Nachtwindeln, gegenüber etwa 17 Cent für die billigsten Plastikwindeln. Und Kacke abwischen muss man so oder so.

Nach etwa zwei Monaten bin ich wieder arbeiten gegangen, allerdings in einem neuen Job: Ich wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Kassel im Bereich Verkehrstechnik, für erstmal eben vier Monate, bis ich an seinem halbten Geburtstag daheim geblieben bin. Im Januar nächsten Jahres geht es dann weiter. Recht neu haben wir einen Fahrradanhänger, den Cross von Thule, als Zweisitzer, mit dem ich Kevin-Alf bei dem schönen Wetter in den Park fahren und dort mit ihm ein wenig auf der Decke liegen kann.

Zwischendurch sind wir schon recht viel Bahn mit dem Kleinen gefahren; nach Ostwestfalen, Südhessen, Kiel, Potsdam und Göttingen. Die allermeiste Zeit ist das auch sehr gut gegangen, im Gegensatz zu den wenigen Autofahrten: Es ist sehr beruhigend, ein unzufriedenes Kind einfach mal hochzunehmen und mit ihm ordentlich zu spielen, anstatt nur von der Seite in den Kindersitz reingucken zu können. Nur einmal, bei der allerersten Fahrt, kam ein blöder Kommentar von einem Mitreisenden: in der Einfahrt nach Hamburg in der Tür wartend meinte ein Fahrgast (aus der ersten Klasse), dass es dem Kleinen ja nicht gut gehen könne (er hat sich erdreistet, nicht komplett still zu sein, sondern ein wenig rumzuquengeln), weil er ja nicht bei der Mama ist, sondern im Tragetuch vom Papa herumgetragen wird. Das sei ja fast schon Vergewaltigung!

Die guten Erwiderungen kommen einem natürlich immer erst später, aber das war auch schnell verarbeitet. (Und jetzt, fünf Monate später, wirkt es wie eine Geschichte aus einem anderen Leben.) Ansonsten staune ich immer, wie viele Menschen ohne Kleinkinder sich im ICE ins Kleinkindabteil setzen; niemals haben wir deswegen keinen Platz gekriegt, aber befremdlich finde ich das manchmal schon. Nicht so schlimm allerdings, wie dass in den neuen Doppelstock-Intercityzügen das Kleinkindabteil so angeordnet ist, dass die anderen Passagiere durch das Abteil hindurch müssen, um zur Tür zu gelangen. Das wäre besser lösbar gewesen.

Aktuell wird Kevin-Alf immer aufmerksamer, immer geschickter. So sehr, dass ich immer mehr aufpassen muss, dass der Kleine meine Brille auf meiner Nase lässt. Nicht immer kriege ich das hin. Aber irgendwie macht das auch stolz.

Die Tribute des Hungers

Katniss Everdeen heißt die Heldin der Trilogie „The Hunger Games“ (auf Deutsch: „Die Tribute von Panem“), und da aus ihrer Perspektive berichtet wird, sollte es kein allzugroßer Spoiler sein, dass sie bis zum Ende des dritten Buches überlebt.

Katniss lebt in einer Sklavenkolonie in den Appalachen, kontrolliert von der Hauptstadt Panem in den Rocky Mountains. Panem kontrolliert außer Katniss’ noch elf andere Bezirke; in jedem wird etwas anderes wichtiges hergestellt (Katniss’ Bezirk ist dem Kohleabbau gewidmet). Jedes Jahr werden die Tribute, zwei Jugendliche aus jedem Bezirk, gelost, ein Mädchen und ein Junge, die dann in den Hunger Games aufeinandertreffen und sich gegenseitig töten müssen. Dem letzten Überlebenden winken Ruhm und Ehre, ein Leben zwar in Reichtum, aber immer noch in der Kolonie. Panem selbst ist eine dekadente Stadt, in der Überfluss herrscht und in der das Schicksal der Kolonien nicht wahrgenommen wird. Die Rechtfertigung für die Hunger Games ist die Revolution vor 74 Jahren, bei der Panem über die Kolonien gesiegt hat und sie seither (wieder?) unterjocht. Aus der Zeit davor ist praktisch nichts bekannt, nur, dass es früher dort die Vereinigten Staaten von Amerika gab und dass die gesamte Bevölkerung der Welt durch ein nicht bekanntes Ereignis stark dezimiert wurde. Die Bewohner Panems und der Kolonien halten sich für die letzten Überlebenden.

Katniss beginnt die Geschichte als selbstbewusste junge Frau, die der Umzäunung entfliehen und jagen kann. Das erbeutete Fleisch verkauft sie auf dem Schwarzmarkt, um ihre Familie, ihre Mutter und ihre kleine Schwester Prim, zu ernähren. Ausgelost wird nicht sie, sondern eben ihre Schwester, und Katniss nimmt freiwillig ihren Platz ein. In der Arena tötet sie, aber fast nur in Notwehr, nie kalkulierend, und gewinnt schließlich. Ihr letzter Akt wird aber von den Obrigkeiten als Affront gegen die Hauptstadt gesehen. Einige der Kolonien schöpfen daraus Kraft, es brodelt und erster Unmut in den Kolonien flammt auf.

Ein Jahr später, als sich die Revolution zum 75. Mal jährt, sind die Spielregeln anders: Aus den bisherigen Gewinnern werden die diesjährigen Tribute ausgewählt. Da Katniss die bisher einzige weibliche Siegerin aus ihrer Kolonie ist, muss sie auch wieder ran. Auch dieses Mal überlebt sie und kommt schließlich zu den Rebellen, die ihr Hauptquatier in der dreizehnten Kolonie haben. (Von dem Panem behauptet, dass es seit dem Krieg der Revolution unbewohnbar sei.) Katniss ist zum Symbol der Rebellen geworden und wird von diesen auch so eingesetzt. Ihre Kolonie wird von Panem vollständig zerstört.

Bei der Darstellung der Rebellen habe ich mich ein wenig an Animal Farm erinnert gefühlt und eine Parabel auf verschiedene Gesellschaftsmodelle gesehen: Einerseits der dekadente, verschwenderische Kapitalismus Panems, der auf dem Leid und der Ausbeutung anderer basiert (man erinnere sich an Textilfabriken im fernen Osten), auf der anderen Seite ein militaristischer Komplex, der alle befreien, aber keinesfalls allen Freiheit geben will, mit strengen Tagesabläufen, totaler Überwachung und enger Rationierung. Die Rebellen kopieren letztlich viele schlimme Dinge, die sie vorher selbst bekämpft haben, bis hin zu den Hunger Games selbst.

Katniss’ Rolle verändert sich dabei immer mehr von der aktiven Akteurin hin zur Getriebenen, von der selbst- und eigenständigen Frau hin zum kleinen Nervenwrack, das zwar immer noch trotzig ist, aber keine eigenen Impulse mehr setzt. Gegen Ende wird sie von den Rebellen eingesperrt – Einzelhaft; das Gerichtsverfahren gegen sie wird ohne Anhörung von ihr durchgeführt – und freigesprochen. Und heiratet am Ende doch den einen, den sie eigentlich nie wollte.

Ja, bei dieser Geschichte ist ihr Werdegang durchaus nachvollziehbar und realistisch. Irgendwann fehlt die Energie, zu kämpfen. Trotzdem hätte ich mir eine stärkere Persönlichkeit gewünscht, die nicht ganz so getrieben von den äußeren Umständen wird. Auch das wäre durchaus realistisch gewesen. Schade – Chance verpasst. Spannend und lesenswert war es aber auf jeden Fall!

Nächster Donnerstag

In einer Parallelwelt spielen die (bisher) sieben Romane der Thursday-Next-Reihe von Jasper Fforde, jener Autor, von dem ich auch schon Shades of Grey gelesen habe. Die Hauptfigur eben, Thursday Next, lernt, in Bücher und die Welt, in der die Bücher spielen, zu springen und verändert im ersten Buch – The Eyre Affair – das Ende des Romans Jane Eyre. Wie auch zu anderen Gelegenheiten in der gesamten Serie ist das Endergebnis der Roman, so wie man ihn in unserer Welt kennt.

Eigentlich ist Thursday aber Veteranin des Krimkrieges, der in dieser Welt noch im Jahre 1985 andauert und zwischen England und Russland tobt, und das, obwohl England 1942 von den Deutschen besetzt war. Aktuell arbeitet sie für die Special Operations, eine zur Polizei parallele Organisation, die sich um die Dinge kümmert, die zu speziell oder schwierig für die normale Polizei sind.

Es ist schwierig, über sieben aufeinander aufbauende Bücher zu schreiben, ohne die ersten zu sehr zu spoilern, aber es sollte nicht überraschen, dass die Erzählerin und Titelheldin wenigstens die ersten sechs davon überlebt. Mehr noch: Thursday heiratet und bekommt einen Sohn, den sie Friday nennt (ihre Mutter heißt übrigens Wednesday). Die ersten vier Bücher gehen alle fast nahtlos ineinander über; das zweite Buch (Lost in a Good Book) finde ich als eigenständige Geschichte sehr schwach. Zu viele Punkte des ersten Buches werden einfach nur aufgearbeitet, zu wenig die eigene Geschichte weitergesponnen. (Abgesehen davon wäre eine Übersetzung „In einem guten Buch verloren“, aber die deutsche Ausgabe hat den langweiligeren Titel „In einem anderen Buch“.)

Wirklich Fahrt nimmt die Serie wieder mit Nummer drei – The Well of Lost Plots (diesmal mit sinnvoller Titelübersetzung im Deutschen) – auf. Da ihr Ehemann in Buch zwei von chronupten Zeitpolizisten ausradiert wurde, zieht sich Thursday in die Buchwelt zurück und harrt zwei Jahre lang mit Friday in einem weniggelesenen Buch aus und wird zur Agentin von Jurisfiktion, der Buchwelt-Polizei, ausgebildet. Schließlich kommt das Showdown im vierten Buch Something Rotten, in dem Thursday mit Hamlet zusammen in die echte Welt zurückkehrt, um den Untergang der Welt abzuwenden, in dem sie den Superhoop (das Äquivalent dieser Welt zu unserer Welt SuperBowl, aber für Cricket) für ihre Heimatstadt Swindon gewinnt und damit die merkwürdig spezifischen Vorhersagen von St. Zvlkx aus dem 13. Jahrhundert erfüllt. St. Zvlkx selbst erscheint ein paar Tage vorher, ebenfalls wie von ihm vorhergesagt, kann aber am Ende nicht mehr helfen.

Nach diesen vier Büchern, die Ende der 1980er Jahre spielen, springen wir im fünften Buch, „Irgendwo ganz anders“ (oder, in richtig: First Among Sequels) zum Anfang der 2000er, in denen Thursday zwei Kinder im Teenager-Alter hat – Friday hat eine kleine Schwester, Tuesday – und eine weitere Tochter, Jenny. Thursday arbeitet nicht mehr für Jurisfiction, und auch nicht mehr für Special Operations, oder wenigstens erzählt sie das ihrem Ehemann. Natürlich ist aber die Teppichverlegefirma, in die alle ehemaligen SpecOps-Offiziere bei der Auflösung von SpecOps gewandert sind, nur eine Fassade für die gleichen speziellen Operationen, und das widerum für Thursday nur eine Fassade für ihre Buchwelt-Ausflüge. Dort hat sie zwei Lehrlinge: Eine davon ist Thursday1-4, ihr geschriebenes Alter Ego aus den ersten vier Bücher, die aber in der Welt von Thursday Next voller roher Gewalt und Gefälligkeitssex sind. Da das der „echten“ Thursday überhaupt nicht gefiel, kommt sie mit Thursday1-4 ebensowenig klar wie mit der Blümchenkind-Veganer-Joga-Variante, die für das fünfte Buch The Great Samuel Pepys Fiasco (was es in unserer Welt nicht gibt) erschaffen wurde: Thursday5. Nebenbei muss sie ihren Sohn davon überzeugen, zu den Zeitwächtern zu gehen, da ansonsten alle Zeitreisen zusammenbrechen würden. Der ist aber eher damit beschäftigt, sich darüber Gedanken zu machen, wieso die „guten alten Zeiten“ früher so viel weiter weg waren als heute.

One of Our Thursdays is Missing ist schließlich aus der Perspektive der ehemaligen Thursday5 geschrieben, die den Job von Thursday1-4 übernommen hat. Die echte Thursday wird gesucht, denn sie wird dringend gebraucht, um in der Buchwelt einen Krieg zwischen den Genres Anzüglicher Roman und Feminismus zu verhindern. Thursday5 ist sich aber nicht sicher, ob sie nicht selbst die echte Thursday ist, die vielleicht das nur vergessen hat. Die in jedem Fall echte Thursday kommt aus diesem Buch schwer verletzt wieder zurück und bewirbt sich in The Woman who Died A Lot auf eine Stelle bei den wiedereingeführten SpecOps. Tuesday, ihre Tochter, ist fieberhaft damit beschäftigt, ein Schutzschild gegen Gotteszorn zu bauen, bevor am Ende der Woche die globale vereinheitlichte Gottheit in Swindon ein Exempel statuieren will.

All diese Bücher sind von einem Mann geschrieben und haben eine Frau als Protagonistin, ja sogar als Erzählerin. Und er spielt damit, dass Frauen sehr häufig entweder als Engel oder als Teufel dargestellt werden, aber selten als facettenreiche Menschen, wenn er die „echte“ Thursday ihrer Teufelsversion Thursday1-4, die nur ballern und ficken kann, gegenüberstellt. Thursdays versuche, das öffentliche Bild von sich zu bereinigen, schlagen dann ins Gegenteil um, und heraus kommt eine ebenso übertriebene Verzerrung einer Frau, die im Einklang mit sich und der Natur einfach immer nur alles und jeden Umarmen will, in Thursday5. Thursday hat einen liebenden Ehemann, der eine vielversprechende Karriere als Schriftsteller hinten an stellt, um sich um seine Familie zu kümmern und Thursday den nötigen Raum für ihre Abenteuer zu geben.

Auch mit Sprache kann er hervorragend umgehen. In der Buchwelt gibt es Parasiten, die Grammarsites, die Worte zersetzen. Adjectivores nehmen jegliche Beschreibung aus den Büchern, und zurück bleiben eigenschaftslose Objekte, und wenn die Handlung im Umfeld eines Myspeling Vyrus ist, insd auf enimal ale Wørder valcsh geschribn. Ulysses, zum Beispiel, wird von Satzzeichendieben heimgesucht, die im letzten Kapitel alle Satzzeichen geklaut haben, aber es wird nichts Natürliches gewesen sein, denn der letzte Punkt wurde übriggelassen. (Ich habe nochmal in meine halbangefangene Ausgabe von Ulysses geguckt: Da sind wirklich keine Satzzeichen im letzten Kapitel.) Nach dem Diebstahl wird gemutmaßt, ob im Outland (also der nicht-fiktiven Welt) das nicht irgendwer für besonders künstlerisch wertvoll halten würde. Harr, harr. Die Texte beinhalten unglaublich viele Referenzen auf Bücher, viele davon Klassiker, die keinem Copyright mehr unterliegen – einmal warten alle gespannt auf Harry Potter, aber dann kommt eine Assistentin und verkündet, er könne wegen Urheberrechtsprobleme leider an der Besprechung nicht teilnehmen.

In der Buchwelt sind Dinge nur textlich beschrieben; Thursday geht es in The Well of Lost Plots ziemlich auf den Keks, dass die Texturen und Gerüche fehlen. Wenn im Text nicht mehr steht, wer gerade was sagt, dann wissen das die Figuren auch nicht. Namen wie Grmskfpdldjkz sind vollkommen okay, denn auch wenn niemand in der Buchwelt weiß, wie sie auszusprechen sind, können sie diese Namen sagen – textlich. Neben der textlichen Welt heben die Bücher aber auch immer auf absurde Politik ab, wie in der Szene, in der ein Politiker in einer Debatte gefragt wird, ob er denn die „eine schreckliche Tat, die jemand letzten Dienstag begangen hat,“ verurteile.

First Among Sequels ist nur eines – das am prominentesten, als Buchtitel platzierte – Beispiel für die Wortspiele, die Fforde in die Bücher einbaut (aus „First Among Equals“ – Erster unter Gleichen – wird hier Erstes unter Fortsetzungen), andere Beispiele sind Namen wie Anne Wirthlass-Schitt, was man als „eine wertlose Scheiße“ verstehen kann, oder lauter Namen, die sich wie eine Verabschiedung in verschiedenen Sprachen anhören, zum Beispiel Alf Widdershain. Und als Thursday von einer Nonne angegriffen wird, berichtet sie, dass die Nonne sie eine „procreating girl-dog“ genannt hat, nur „nicht in genau diesen Worten“. Welche Worte für die sich fortpflanzende Hündin gewählt wurden, kann man sich dann selbst denken.

Das achte Buch, letzter Teil des zweiten Vier-Buch-Bogens, fehlt noch. Ich bin nun hin- und hergerissen, ob ich lieber eher Thursday Next 8 oder Shades of Grey 2 lesen will. Oder ich mache einfach weiter mit den anderen Büchern von Jasper Fforde.

Go Set a Perfume

Nach To Kill a Mockingbird ist Go set a Watchman der zweite Roman von Harper Lee, und handelt davon, wie Jean-Louise in den 1960er Jahren, 20 Jahre nach den Vorkommnissen im ersten Roman, wieder mal heim nach Alabama kommt. Eigentlich lebt sie in New York, und sie kann sich nicht mehr so richtig ins Dorfleben einfinden.

Der politische Hintergrund zu der Geschichte ist die Entscheidung des obersten Gerichtshofes, dass eine vorgeschriebene Trennung der Weißen und Schwarzen („separate but equal“) nicht zulässig ist. Der juristische Konflikt dahinter besteht in der unterschiedlichen Gewichtung des 10. und 14. Zusatzartikels zur US-Verfassung und besteht auch heute noch bei Fragen wie der gleichgeschlechtlichen Ehe und LGBTQ-Gleichstellung: Der 10. Zusatzartikel sagt, das alles, was die Verfassung nicht explizit an den Bund delegiert, von den Staaten zu regeln ist – Staaten-Recht bricht Bundesrecht, im Gegensatz zum Deutschen Grundsatz, dass Bundesrecht Landesrecht bricht.

Der 14. Zusatzartikel garantiert allen Menschen gleichen Schutz vor dem Gesetz („equal protection“), und wird von Liberaler und Bürgerrechtsseite von jeher angeführt, um diese Regeln für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung im Bund festzusetzen und in allen Staaten gelten zu lassen. Konservative wollen diese Regelungen tendentiell den Staaten überlassen, was natürlich bedeutet, dass es Staaten gibt, in denen es keine Homo-Ehen gibt, oder eben erzwungene Trennung von Weißen und Schwarzen.

Jean-Louise kommt also aus dem liberalen New York ins immer noch rassistisch geprägte Alabama, in dem die Leute außer sich sind vor Wut, dass „die da oben“ in Washington, D.C., sich in die Selbstbestimmungsrechte des Staates eingemischt haben, und obendrein, wo doch jeder wisse, dass die Neger einfach nicht den Weißen gleich sein können.

Auch Atticus, Jean-Louises Vater, der sich in ihrer Erinnerung nie der Illusion hingegeben hatte, er sei besser als die Schwarzen, der auch in Geschäften darauf bestanden hat, dass die Schwarzen, die vor ihm da waren, auch vor ihm bedient würden, verteidigt auf einmal diesen Rassismus gegenüber Jean-Louise, und hilft auch bei seiner Verbreitung – so erscheint es ihr wenigstens.

Letztlich ist das Buch viel weniger eine Geschichte über Rassismus als über Jean-Louises Abnabelung von Atticus, und darüber, dass wenigstens ein Teil des Südstaaten-Rassismus, der heute noch vorhanden ist, eine Trotzreaktion auf die gefühlte „Bevormundung“ aus Washington ist.

Wie auch To Kill A Mockingbird ist das Buch gut und kurzweilig geschrieben und regt zum Nachdenken an.

Ganz woandershin, nämlich ins Paris des 18. Jahrhunderts, nahm mich „Das Parfüm – die Geschichte eines Mörders“ von Patrick Süskind. Wir folgen dem Leben von Jean-Baptiste Grenouille, der im Sommer im Gestank von Paris geboren wird, selbst keinerlei Eigengeruch besitzt, aber einen extrem ausgeprägten Geruchssinn. Er lässt sich von einem Parfumier unterrichten und hat nur eine Leidenschaft: Gerüche aufzusammeln. Der Geruch einer rothaarigen, gerade postpubertären Frau fasziniert ihn so sehr, dass er sie erdrosselt, um an ihr riechen zu können. Um einen solchen Geruch besser konservieren zu können, startet er eine Odyssee nach Grasse in Südfrankreich, die er für sieben Jahre in der menschen(geruchs)leeren Wildnis unterbricht, bevor er dort, im Mekka der Gerüche, eine Lehre anfängt. Kaum dort angekommen, vernimmt er diesen Geruch wieder, aber nur sehr zart – die betreffende Frau ist erst in zwei Jahren „reif“. Zeit genug, neue Techniken zu lernen und zu verfeinern; nach einem Jahr ist er so weit, an anderen jungen Frauen zu „üben“ – 24 tote Jungfrauen später ist das Dorf in Aufruhr und er zufrieden. Die 25. (mit der allerersten 26.) kommt dann nach zwei Jahren, und dann kann er endlich ein Parfum zusammenmischen, dass ihm unbegrenzte Macht über seine Mitmenschen gibt. Als er diese auskosten kann, bemerkt er aber, dass er Menschen eigentlich hasst, und die ihm zuteilwerdende Liebe ihm daher zuwider ist.

Fantasy an sich mag ich ja. Das Buch hier eher nicht so. Die Hauptfigur ist hin und wieder sympathisch oder wenigstens des Mitfieberns würdig, aber dann kommt nicht nur ein Mord, sondern derer gleich 26, ohne, dass er versucht hätte, anderweitig an den Schlüsselgeruch zu kommen. Dass alle, die mit ihm zu tun haben, meist ohne sein zutun ins Unglück stürzen, hilft der Geschichte nicht. Kaum ist er zum Beispiel bei seinem ersten Lehrmeister weg, stürzt dessen Haus in den Fluss und begräbt alle angehäuften Reichtümer. Die Amme, bei der er aufwächst, verliert alle ihre Ersparnisse Jahrzehnte später in der französischen Revolution, klärt uns der Autor in einem Nebensatz auf. Es geht so weit, dass ich bei jeder neuen Person überlegt habe, was wohl mit der bizarres passieren wird.

Fazit: kann man mal lesen, aber nicht zu viel davon erwarten.

Yossarian

Mit der Geburt von Kevin-Alf am Horizont habe ich in den letzten Monaten von 2016 sehr intensiv daran gearbeitet, meine bezahlte Arbeit in einem guten Zustand an meinen Nachfolger übergeben zu können. Dadurch bin ich kaum mehr dazu gekommen, viel zu lesen.

Dass ich seit Mitte des Jahres jeden Tag die Tageszeitung, die ich auf meinen eBook-Reader bekomme, lesen will, hat dann auch nicht mehr funktioniert. An Weihnachten hatte ich zwei Monate Rückstand. Das Kind im Arm halten ist allerdings eine Tätigkeit, die wenig direkte Aufmerksamkeit erfordert (erst langsam fängt er an, dabei rumzugucken und damit auch die Aufmerksamkeit von Papa – oder Mama – zu fesseln) und wenig andere Sachen erlaubt, also komme ich richtig viel zum Lesen.

Neben dem Rückstand an Zeitungen habe ich das Buch Catch-22 von Joseph Heller gelesen. Die Geschichte des US-Amerikanischen Bombenschützens Yossarian während seiner Stationierung auf der Italienischen Insel Pianosa gegen Ende des (europäischen Teils des) zweiten Weltkrieges ist nicht chronologisch erzählt und es braucht ein wenig, bis man sich in dem Wust der Handlungsstränge wirklich zurecht findet und Rückblenden auch als solche erkennt. Yossarian will keine Kampfmissionen mehr fliegen und will sich daher für verrückt erklären lassen. Das Problem ist der paradoxe Catch-22: Nur zurechnungsfähige Menschen dürfen in Kampfmissionen eingesetzt werden. Wer sich aber aus der berechtigten Angst vor den Missionen als geisteskrank anerkennen lassen will, zeigt damit, dass er absolut zurechnungsfähig ist, denn nur geisteskranke Menschen würden sich einer solchen Gefahr wieder und wieder aussetzen. Sobald man also auf seinen Zustand hinweist, beweist man, dass man noch kampftauglich ist. Und solange sich der Verrückte nicht beschwert, muss man ihn ja auch nicht aus den Kampfhandlungen zurückrufen.

Das Buch ist eine Satire auf das Militär, es zeichnet ein durchaus witziges Bild der Fliegerstaffel, der Yossarian angehört, seiner Vorgesetzten, der Umgebung, der Besatzung und der Kämpfe, aber auch von Gott, Gottesglauben, Militärzensur, Kapitalismus, und nicht zuletzt Prostitution und Moral. Im letzten Drittel wird das Buch immer düsterer und immer weniger lustig; Brutalität ist eben ein inhärenter Bestandteil von Krieg. Gegen Ende war ich zwiegespalten: Würden etwa alle sterben? Aber ein Happy End würde dem Buch nicht passen. Statt dessen gibt es weder ein Happy End noch ein Sad End, sondern ein hoffnungsvolles, Aufbruchs-Ende. Ein befreiendes Ende, was alle meine Erwartungen übertroffen hat.

Das Buch empfehle ich jedem, der gewillt ist, sich erst in ein Buch hineinfinden zu müssen; mir ist es auf jeden Fall hier leichter gefallen als bei Ulysses.

Das war 2016

Im letzten Jahr habe ich einige politische Gedanken gebloggt, und ich finde es nur fair, mal zurückzublicken und mir zu überlegen, wie sich meine Ansichten und die Welt seitdem entwickelt haben.

So habe ich im Mai über schnelle Züge sinniert. Anlass war eine Diskussion über die Mottgers-Spange und meine Frustration darüber, dass ich nirgendwo Zahlen zu den Fahrtzeiten der vorgeschlagenen Alternativen finden konnte. Nun, die meisten Argumente würde ich genau so wiederholen, allerdings wurde ich darauf hingewiesen, dass die aktuelle Planung der Mottgers-Spange tatsächlich eine Fahrzeit von mehr als 45 Minuten auf Frankfurt – Fulda bedeuten würde. Für keine andere Variante habe ich bisher entsprechende Informationen gefunden.

Ich habe ebenfalls, aufgehängt an Gedanken zum Ausbau der Main-Weser-Bahn, über Stuttgart 21 und das Verhalten der Grünen dazu sinniert. Nun sind seit dem mehrere Gutachten öffentlich geworden, die dem Projekt eine zu positive Risikoabschätzung bescheinigen, und aus Baden-Württemberg hört man abwechselnd, dass sich die Grünen gemeinerweise gegen das Projekt stemmen oder gemeinerweise zu sehr für das Projekt sind. Unterm Strich ein Patt, würde ich sagen. Ich hoffe allerdings nach wie vor sehr, dass die Landesregierung standhaft bleibt und keinen Cent mehr als das vom Volksentscheid genehmigte Geld in dieses Projekt steckt.

Darauf aufbauend, wiederum, habe ich mich darüber aufgeregt, dass Bernie Sanders so lange seinen Wahlkampf gegen Hillary Clinton aufrecht erhalten hat, bei der Vorwahl der Demokraten in Amerika. Nun, letztlich hat er eingelenkt und Clinton ehrlich, aufrichtig und unermüdlich unterstützt. Gereicht hat es freilich nicht, und da am Ende etwa 109 000 Wähler*innen den Ausschlag gegeben haben, war sein Verhalten genauso wie jedes andere Detail des Wahlkampfes wahrscheinlich wahlentscheidend.

Mit der Beschwerde der hessischen Beamten, dass sie doch 100 % gäben, aber nur 1 % bekämen, habe ich mich ebenfalls auseinandergesetzt. Die Kritik an dem Slogan besteht weiterhin, allerdings wurde ich darauf hingewiesen, dass die Lohnerhöhungen natürlich auch im Lichte der Arbeitszeitverlängerung in 2004 von 38 ½ Stunden auf 42 Stunden pro Woche gesehen werden sollten. Es sollte also sein: Wir geben 109 %, sie geben 101 %. (Die Inflationsrechnungen, die ich im Juli dazu gemacht habe, lasse ich jetzt mal weg.) Auch richtig, aber dass der Slogan idiotisch ist, wird dadurch immer noch nicht verändert.

Kevin-Alf

An Weihnachten war es so weit: Kurz nachdem ich auf meinem Fahrrad nicht nur die 7000-km-Marke, sondern auch 7093 km (bedeutet: 1000 km in 2016) überschritten hatte, kam mein Sohn Kevin-Alf auf die Welt. Alles ist so gut – oder gar besser – gelaufen wie geplant, alle Beteiligten sind gesund und munter. Nun gewöhne ich mich also seit drei Wochen daran, ernsthaft Papa zu sein und all die Dinge, die ich mir vorgenommen habe, zu verwirklichen. Immerhin: Bis Ende Februar kann ich daheim bleiben und muss nicht zur Arbeit. Bisher könnte ich es mir auch noch gar nicht vorstellen, länger als ein paar Stunden nicht da zu sein, nicht mich um den Kleinen zu kümmern.

Von Blasen und Umfragen

Eigentlich wollte ich einen längeren Artikel über die US-Amerikanische Präsidentschaftswahl schreiben, aber letztlich will ich nur zwei Punkte in die Welt rufen:

  1. Die Umfragen waren nicht übermäßig falsch. Linke, hört auf, an Daten zu zweifeln. Nicht mal die Möglichkeit, dass Konservative sich nicht getraut haben könnten, Umfragern gegenüber zuzugeben, dass sie Trump wählen würden, ist in irgendeiner Weise aufrechtzuerhalten.
    Clinton war Favoritin in der Wahl, aber nicht so sicher, wie viele dachten. Die schönste Verbildlichung der Wahrscheinlichkeit, die ich gelesen hatte, war die von zwei Münzwürfen. Wenn beide als Zahl herauskommen, gewinnt Trump. Clinton hat ihre Wähler nicht mobilisieren können, Trump aber seine – beide „Zahl“, Clinton verliert.
  2. Das Vertrauen der Amerikaner in ihre „Institutionen“ wird kleiner. Damit sind alle möglichen Dinge gemeint:  Ehe, das Parlament, die Medien, organisierte Religion. Besonders das Misstrauen in die Medien ist auch in Deutschland weit verbreitet, und viele Menschen gucken jetzt zu den sozialen Medien und wundern sich, wie denn die „rechten Filterblasen“ so viele Falschmeldungen enthalten können.

Besonders der zweite Punkt ist für die deutsche Bundestagswahl 2017 interessant. Die „Lügenpresse“-Rufe auf PEGIDA-Demonstrationen zeigen, dass auch hier das Vertrauen in die Presse nachlässt, und Filterblasen gibt es auch auf Deutsch.

Aber der Glaube auf der linken Seite des Spektrums, dass die Umfragen so falsch gewesen seien basiert letztlich auch auf einem Nicht-Verstehen und dann Misstrauen gegenüber Wahrheiten™, woraufhin man sich dann lieber auf seine eigenen Überzeugungen zurückzieht. Das ist nicht vom Wesen her anders als Menschen, die die wissenschaftliche Methode nicht verstehen und nie gelernt haben, wie komplexe Systeme aussehen können – und die daher die Ergebnisse der Klimaforschung ablehnen und sich auf den bequemeren Standpunkt zurückziehen, nämlich den, dass an dem ganzen „Alarmismus“ über den Klimawandel nichts dran sei.

Um das hier wirklich kurz zu halten, kommt am Ende einfach ein Appell, der auch an mich selbst gerichtet ist: Überprüfe, wo du in einer Filterblase steckst. Überprüfe, welche deiner politischen (und das Wort ist hier sehr weit gemeint) Überzeugungen und Ansichten einem wissenschaftlichen Konsens entgegenstehen. Überprüfe dann kritisch, ob das gerechtfertigt ist – vielleicht wird das Kopfsteinpflaster vor deiner Tür ja wirklich deswegen nicht ausgebessert, weil der Oberbürgermeister Kopf einer Verschwörung ist, um zu verhindern, dass es mehr Durchfahrtsverkehr vor seiner Haustür gibt. Vielleicht gibt es aber auch gar keine Verschwörung.

Das Wüten des ganzen Fabers

Auf meiner Liste von zu lesenden Büchern stand es zwar nicht, aber Maarten ’t Harts Buch Das Wüten der ganzen Welt war trotzdem dran. Die komplette Jugend eines Niederländischen Kindes wird aus dessen Perspektive erzählt; wie er vom Dorfpolizisten sexuell genötigt und dieser schließlich im Lagerraum von seinen Eltern erschossen wurde, während der kleine Bub Klavier spielt. Und, wie er schließlich den Mörder in Schal und Hut findet und konfrontiert. Die große Hintergrundgeschichte ist der Überfall der Deutschen im zweiten Weltkrieg, ungefähr zu der Zeit, in der unser Held geboren wurde, und wie die einzelnen Personen damit umgegangen sind.

Es fällt mir schwer, viel mehr darüber zu schreiben, ohne viel vorwegzunehmen. Die Geschichte ist mitreißend, und mit Sicherheit auch ein zweites Mal spannend, wenn mal weiß, wie es ausgeht, weil man die ganzen Hinweise erkennt. (So ging es meiner besseren Hälfte, die das Buch schon kannte, als wir es uns gegenseitig vorlasen.) Erst ganz am Schluss fallen alle Puzzlesteine zusammen, auf eine Art und Weise, die man nicht geahnt hätte.

Grade fertig sind wir mit dem nächsten Vorleseprojekt Homo Faber von Max Frisch. Meine erste Begegnung damit war, als eine Deutschlehrerin in der 11. Klasse meine deterministische, reduktionistische Weltsicht kritisieren wollte und mir ans Herz legte, ich solle doch mal Homo Faber lesen, um zu merken, wie falsch ich liege. Nun, es hat eineinhalb Jahrzehnte gedauert, aber here I am. Walter Faber, der Titelheld, Züricher (wie der Autor), fliegt von New York, wo er wohnt, im Jahr 1957 nach Venezuela, um dort im Auftrag der UNESCO die Installation von Turbinen zu überwachen. Er ist Ingenieur und hat einen sehr klaren Plan vom Leben. Sein Flugzeug landet kurz vor Mexico City in der Wüste not, und in den wenigen Tagen, die er dort verbringt – emotionslos, weil es ist ja nichts dabei – lernt er den Bruder seines ehemals besten Freundes kennen. Hier geraten sein Leben und seine Überzeugungen langsam ins Wanken, er macht Abstecher auf dem Weg nach Venezuela (kein Problem: die Turbinen waren sowieso noch nicht da, aber das erfährt er erst später) und trifft die Liebe seines Lebens.

Lange Zeit noch klammert er sich an die Objektivität; eine Wolke ist eine Wolke und kein Hase; der Sonnenuntergang oder Mondaufgang hat nichts romantisches, sondern ist einfach da. Ein Unglücksfall reißt ihn jedoch aus diesem Trott heraus, und letzten Endes verliert er jeden Halt, und wohl am Ende auch sein Leben (aber das wird nicht wirklich klar).

Was wollte diese Lehrerin (den Namen weiß ich nicht mehr) mir beibringen? Es gibt auch Schönheit im Leben? Reduktionismus kann nicht alles erklären? In der Diskussion damals ging es um die Frage nach dem freien Willen, und das wird in Homo Faber nicht angesprochen. Es ist ein bewegendes Buch, das man aber auch als Aufruf verstehen kann, nicht nur die Arbeit zu sehen. Beziehungen nicht aufzugeben. Empathie zu haben. Vielleicht hatte ich damals zu wenig Empathie, das ist von heute aus schwer zu beurteilen. Aber, was soll’s: Beide diese Bücher habe ich sehr gerne gelesen.

Meg’s Geschichte

Eine ungewöhnliche Inspirationsquelle für ein neues Buch hat sich mir in der Rede von Chelsea Clinton beim Parteitag der US-Demokraten präsentiert, als sie davon sprach, wie sie mit „A Wrinkle in Time“ aufgewachsen ist. Nach kurzer Recherche entschloss ich mich, das auch mal zu lesen. Das Buch ist der erste Teil eines Quintetts, dessen andere Bücher ich im Anschluss auch gelesen habe.

Die Zeitfalte, so der deutsche Titel des ersten Buches, ist eine sehr klassische Gut/Böse-Geschichte. Meg, die 13-jährige Hauptperson, reist mit ihrem vierjährigen, aber mental schon ziemlich erwachsenen, Bruder Charles Wallace, und einem Freund, Calvin, mit der Hilfe von mystischen Gestalten auf fremde Planeten, um ihren Physiker-Vater vor einem bösen, körperlosen Gehirn zu retten. Dieses will alles gleichmachen, doch sie findet heraus, dass das nicht erstrebenswert ist, auch wenn sie sich oft wünscht, den anderen Kindern in der Schule ähnlicher zu sein.

A Wind in the Door spielt zwei Jahre später. Meg macht sich mit Calvin und einem Cherubim (so eine Art viele Drachen in einem) auf, diesmal in eine von Charles Wallace’s Zellen, in ein Mitochondrium, in dem ihre Biologen-Mutter neue Wesen, die Farandola, postuliert hat. Diese sollen so symbiotisch in den Mitochondrien leben wie diese in unseren Zellen, aber zu klein sein, um gesehen zu werden. Nun gilt es, eine dieser Dinger zu überzeugen, nicht einen auf Hippie zu machen (ich paraphrasiere hier mal, was die Autorin Madeleine L’Engle damals in 1973 wohl gemeint haben möge), sondern sich wie seine Eltern zu verhalten und damit in diesem einen Mitochondrium in dieser einen Zelle dieses einen kleinen Jungen in diesem einen Planeten in der einen Galaxie die gesamte Balance des Universums so zu verschieben, dass sowohl Charles Wallace als auch das ganze Universum gerettet wird.

In A Swiftly Tilting Planet erfahren wir dann, dass die Mutter für die Entdeckung der Farandola den Nobelpreis erhalten hat, und dass der Vater für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ein so wichtiger Ratgeber ist, dass er abends persönlich angerufen wird und als einer der wenigen Menschen erfährt, dass dieser eine Südamerikanische Präsident wohl morgen den Atomkrieg anfangen wird. Die mittlerweile 23-jährige Meg ist momentan von ihrem Ehemann Calvin schwanger, und dessen Mutter gibt Charles Wallace einen alten Zauberspruch aus Wales, den er auf seiner Reise in der folgenden Nacht oft weitergeben wird: Mit Hilfe eines Einhorns springt er in der Zeit zurück und wird Zeuge, wie zwei Prinzen aus Wales lange vor den Wikingern in Nordamerika landen; der junge Prinz natürlich der gute, reine, der ältere der Böse. Deren Nachkommen über die Jahrhunderte resultieren letztlich in dem Diktator in Südamerika, und es ist Charles’ Aufgabe (immer IM Geist eines der Protagonisten der Episode), dafür zu sorgen, dass bei jedem Aufeinandertreffen der Nachkommen der Gute gewinnt und letztlich der Regierungschef mit den Atomwaffen aus der guten Reihe kommt.

Charles Wallace und Meg nehmen dann in Many Waters eine Nebenrolle ein, als wir deren Zwillingsbrüder Sandy und Dennys begleiten. Diese sind bisher immer nur nebenbei aufgetaucht und drei Jahre jünger als Meg. Nun laufen sie etwa vier Jahre vor den Ereignissen in A Swiftly Tilting Planet in ein Experiment ihres Vaters herein, dass sie in die Zeit vor der biblischen Sintflut in die Oase, in der Noah und seine Familie wohnen, versetzt. Auch hier gibt es einen Kampf der Guten gegen die Bösen. Wir alle wissen natürlich, dass da eine Flut kommen wird, und die Zwillinge wissen das auch. Die Geschichte bis dahin ist ganz nett und durchaus spannend, aber das Ende ist schlichtweg unkreativ und entwickelt sich eigentlich nicht aus der Geschichte heraus, sondern hätte auch die ganze Zeit so kommen können.

Schließlich sind wir in An Acceptable Time bei Meg’s Tochter Polly angelangt, und eigentlich ist das eine Geschichte, die auch in eine andere Reihe von Büchern über Polly passt. Polly stolpert bei ihren Großeltern (der Nobelpreisträgerin und dem Physiker) immer wieder in einen anderen „Zeitkreis“, der 3000 Jahre in der Vergangenheit liegt und besonders kurz vor Halloween stark mit „unserer“ Zeit verknüpft ist. Neben ihr kann ein befreundeter Bischof, ein Bekannter von Polly und eine Cobra, sowie zwei Menschen und ein Hund aus der alten Zeit, zwischen den Zeitkreisen wechseln – manchmal. „Damals“ herrscht Dürre, und das Volk des Windes, dem Charles Wallace schon in A Swiftly Tilting Planet begegnet war, wird wieder mal (beziehungsweise damals schon) von dem bösen Stamm von jenseits des Sees bedroht. Wieder sind zwei Brüder aus Wales per Schiff über den Atlantik gekommen und landeinwärts weitergezogen, um genau dort zu landen.

Allen Büchern ist gemeinsam, dass die Autorin versucht, ihren Geschichten den Hauch von wissenschaftlicher Plausibilität zu vermitteln, sich dabei aber bei Motiven und Gedanken aus New-Age-Pseudozeugs bedienen. Für meinen Geschmack gibt es zu viele Punkte, an denen ich mich Frage, ob sie die Grundlagen der jeweiligen Disziplinen genug verstanden hat, um davon ausgehend eine Fantasiewelt zu erschaffen (wie ich es bei Pratchett immer empfunden habe), oder ob sie einfach wissenschaftliche Worte verwendet, um ihren narrativen Erfindungen die Illusion der Glaubwürdigkeit zu geben. Ein Beispiel, aus dem letztgelesenen Buch: Polly’s Opa versucht, sie zu beruhigen und „auf den Boden der Realität“ zurückzuholen, und fragt sie Physik-Dinge ab. Zum Beispiel, woraus ein Proton besteht. 3 Quarks, antwortet Polly. Opa fragt darauf, welche Richtung, und Polly antwortet: „two up, one down.“ Ein Proton besteht tatsächlich aus zwei Up- und einem Down-Quark, aber das sind keine Richtungen, sondern Bezeichnungen für zwei Arten von Quarks, die nichts mit den gewöhnlichen Konzepten von hoch, runter, Seltsamkeit, Anmut, Unten und oben zu tun haben, auch wenn die Teilchen up, down, strange, charm, bottom und top genannt wurden. Kurz gesagt: Hier ist ein kleiner Teil gehört und gründlich missverstanden worden. Ähnliches lässt sich über die Relativitätstheorie sagen.

Wie gesagt, Fantasy muss nicht wissenschaftlich korrekt sein, aber hier ist für mich wirklich einfach zu viel Märchen vermischt mit Pseudo-Blabla.

Darüberhinaus sind die Bücher zwar nicht explizit pro-Christlich, und teilweise sogar Christentumskritisch, aber immer wieder kommen Motive aus Bibel und Thora vor; und immer wieder sind diese wahr (das beinhaltet die oben erwähnte Geschichte von Noah, aber auch Jesus). Die Ureinwohner werden so beschrieben, als glaubten sie eigentlich auch an den gleichen Gott wie die zivilisierten Völker, wissen es nur nicht – überhaupt, die Urvölker Amerikas werden sehr stark verfeuersteint, also in ein romantisches, modern geprägtes Weltbild von damals hineingepresst. Flintstonization ist ein Konzept, dass ich im Buch Sex at Dawn kennengelernt habe; es besagt eben, dass viele Anthropologen in die Funde von Steinzeitmenschen ihre heutige Gesellschaftsform hineininterpretieren, wir wissen ja immerhin, dass die Steinzeitmenschen genauso gelebt haben wie wir – siehe Fred Feuerstein (oder Flintstone, im Original). Ähnliches passiert hier; als gröbsten Fehler sehe ich die Annahme, dass die Ureinwohner Nordamerikas vor 3000 Jahren Landwirtschaft betrieben hätten und sesshaft waren. (Warum das ein Problem wäre, habe ich in Guns, Germs and Steel gelernt.)

Langer Rede kurzer Sinn: Keine guten Bücher.

(Der Ernst des) Leben(s) beginnt

Der Ernst, der berühmte, der des Lebens, der fängt ja ständig und immer wieder an. Grundschule, weiterführende Schule, Oberstufe, Studium, Promotion, erster sozialversicherter Job, erster Job außerhalb der Uni. Nun, endlich, scheint diese Reihe bei mir komplettiert, ich glaube nicht, dass das Leben noch ernster werden kann, als dadurch, dass man eine Familie gründet. Irgendwann Anfang des nächsten Jahres werde ich Vater sein, werde dafür sorgen müssen, dass aus einem kleinen, hilflosen Jungen ein verantwortlicher Mann wird. Und schon gehen die Selbstzweifel los, ob und wie gut man das kann. Was man denn machen sollte. Ich möchte ein engagierter Vater sein, und zwar nicht nur nach Feierabend. Ich möchte meine Erfahrungen dabei teilen. Doch wie viel darf ich denn über meinen Sohn erzählen, ohne ihn später zu sehr einzuschränken, weil die ganze Welt wird lesen können, wie sich dieser Bewerber auf die Stelle als Sechsmonatiger verhalten hat? Meine bessere Hälfte, seine Mutter, sieht das Problem nicht: Meinen Blog liest ja eh keiner. Ok – aber vielleicht sucht dann ja jemand danach. Außerdem ist natürlich eine Erzählung der Schwangerschaft notwendigerweise eine Erzählung von der Mutter. Nun, wie ich diesen Widerstreit auflösen kann, weiß ich noch nicht. Die Mutter kann ich wenigstens fragen, was ich schreiben darf und was nicht.

Bis dahin versuchen wir erstmal, uns in dieser neuen Rolle zurechtzufinden. Statt eines Kinderzimmers (wer braucht das schon in der Anfangszeit) richten wir gerade ein Großelternzimmer ein (das heißt, unser Gästezimmer wird etwas wohnlicher gemacht), und wir nerven neue Eltern in unserem Umfeld mit Fragen. Wie ist das, wenn die Großeltern weit weg wohnen? Wie viele verschiedene Gefährten braucht man? Und ab wann? Mehrwegstoff- oder Einwegplastikwindeln? Nach der Woche in Usedom haben uns unter Anderem diese Fragen für ein langes Wochenende nach Kiel zu einer Verwandten mit einem zehnmonatigen Sohn gebracht, und daher haben wir auch das „Mamablog-Buch“. (Und einige der Fragen hatten wir auch erst nachher.) Die Fahrt dorthin und zurück verlief immerhin ohne Probleme und Verzögerungen.

Bisher sieht alles perfekt aus, Mutter und Kind sind in bester Gesundheit, der Vater verkraftet auch, immer mal wieder durch den Bauch geboxt zu werden (die Mutter muss das sowieso die ganze Zeit verkraften) und der Gebärort ist auch schon ausgesucht. Wollen wir hoffen, dass es so bleibt.

Gutes Wetter im Allgäu

Für den letzten Urlaub in diesem Jahr sind wir Ende August für eine Woche ins Allgäu gefahren, um von der Ferienwohnung auf dem Bauernhof von Verwandten aus die Gegend zu erkunden. (Wer sich für Urlaub im Allgäu interessiert, dem kann ich diese Ferienwohnung wirklich wärmstens empfehlen, trotz der Flash-Only-Webseite.) Der reservierte Platz in dem einen durchgehenden InterCity war zwar in einem Wagen mit nicht funktionierender Klimaanlage, aber der Zug war unerwarteterweise so leer, dass wir uns bequem an einen anderen Platz setzen konnten.

223 065 in ALEX-Farbgebung bei Ausfahrt aus Kempten Hbf
223 065 in ALEX-Farbgebung bei Ausfahrt aus Kempten Hbf
Pause gemacht, Strecke gesehen, wie schön, dass es überall Handynetz gibt: Das Internet sagt, in fünf Minuten fährt ein Zug in Sonthofen nach Norden! Darauf kann man ja mal ein bisschen warten. ALEX mit Ersatzlok, wahrscheinlich 2143.18.
Pause gemacht, Strecke gesehen, wie schön, dass es überall Handynetz gibt: Das Internet sagt, in fünf Minuten fährt ein Zug in Sonthofen nach Norden! Darauf kann man ja mal ein bisschen warten. ALEX mit Ersatzlok, wahrscheinlich 2143.18.
Ein weiteres Produkt einer Pause und des allgegenwärtigen Handy-Internets: 2143.18 vor dem ALEX in Richtung München kurz hinter Fischen auf der Brücke über die Iller.
Ein weiteres Produkt einer Pause und des allgegenwärtigen Handy-Internets: 2143.18 vor dem ALEX in Richtung München kurz hinter Fischen auf der Brücke über die Iller.

Die Urlaubszeit war grandios gut ausgesucht: Bis am Tag vor unserer Ankunft Montags gab es Regen, dann fünf Tage strahlend blauer Himmel, dann einen Tag mit Schäfchenwolken, und ab Sonntag abends, wo wir schon wieder daheim waren, sollte es wieder regnen.

Im Vordergrund Hüttenberg, im Tal Sonthofen. Blick nach Osten.
Im Vordergrund Hüttenberg, im Tal Sonthofen. Blick nach Osten.

Zwischendurch spazierten wir zu einer Garten-Modellbahn, liefen durch die Breitachklamm, fuhren mit dem Fahrrad an der Iller entlang bis Oberstdorf und zurück und kletterten in der Starzlachklamm herum – aber auf den ausgeschilderten Wegen, nicht durchs Wasser, wie diese ganzen Gruppen, die in Neoprenanzügen ins Wasser gehüpft sind. Und wir konnten jeden Tag bemerken, wie die Wärme des Wassers im Baggersee ein bisschen weiter nach unten reichte.

Für 10 Cent kann man diesen und noch einen anderen Zug im Kreis fahren lassen. Leider fährt der hier falsch rum (Lok ist hinten und schiebt).
Für 10 Cent kann man diesen und noch einen anderen Zug im Kreis fahren lassen. Leider fährt der hier falsch rum (Lok ist hinten und schiebt).
Brücke auf dem Weg durch die Breitachklamm
Brücke auf dem Weg durch die Breitachklamm
Zwei der Canyoning-Gruppen in der Starzlachklamm: Oben kurz vorm Abseilen durch den Wasserfall; mitte und unten beim Nochmalreinspringen vom Felsen.
Zwei der Canyoning-Gruppen in der Starzlachklamm: Oben kurz vorm Abseilen durch den Wasserfall; mitte und unten beim Nochmalreinspringen vom Felsen.

Und dann, viel zu schnell, ging es auch schon wieder zurück nach Hause, diesmal mit funktionierender Klimaanlage.

Die Bergschablone als Aussichtspunkt bei Muderbolz, die wir allerdings von keiner Stelle deckungsgleich mit mehr als 10° bekommen haben.
Die Bergschablone als Aussichtspunkt bei Muderbolz, die wir allerdings von keiner Stelle deckungsgleich mit mehr als 10° bekommen haben.
Die komplette Bergschablone
Die komplette Bergschablone

Usedom

Nach letztem Wochenende darf man ja nicht mehr nach Usedom fahren (oder vielleicht doch, und gerade jetzt, je nach dem, wen man fragt). Wie schön, dass ich das mit meiner besseren Hälfte Anfang August erledigt habe: der erste Teil unseres Sommerurlaubs ging ins Seebad Heringsdorf. Eigentlich sollte der Weg dahin in einem (von Hannover aus) durchgehenden Kurswagen geschehen, also in einem von den drei Wagen, die in Züssow von einem IC Ruhrgebiet – Berlin – Rügen abgehängt und dann gesondert über die Insel bis Heringsdorf gezogen wird. Doch die Auswirkungen einer Baustelle sorgten dafür, dass der ICE, der uns nach Hannover bringen sollte, so spät war, dass wir den Anschluss in Hannover verpasst hätten (sehr indirekte Auswirkungen: wegen der Baustelle fährt der ICE nur ein- statt zweiteilig, und deswegen ist er überlastet, und deswegen braucht er länger, um von den Bahnhöfen wegzukommen). Daher warteten wir einfach 10 Minuten länger und fuhren mit dem ICE nach Berlin, von dort aus dann Regionalbahn bis Züssow und dann die normale Bummelbahn bis Heringsdorf (die allerdings genau so schnell ist wie die IC-Verbindung auf diesem Abschnitt. Die 30 Minuten, die wir so später ankamen, haben uns allerdings eine Freundin aus dem Chor als Reisebegleitung im Zug nach Berlin beschert.

Ich stehe mit Apfelweinhemd an der Deutsch-Polnischen Grenze an der Ostsee.
Ich stehe mit Apfelweinhemd an der Deutsch-Polnischen Grenze an der Ostsee.
Auch am Strand möchte ich nicht gerne Sonnenbrand oder -stich kriegen.
Auch am Strand möchte ich nicht gerne Sonnenbrand oder -stich kriegen.

Heringsdorf an sich hat einen sehr schönen, sauberen Strand, und das Wetter war zwar nicht überwältigend, aber doch gut genug, um zu baden, zu spazieren, Tandem zu fahren und wieder zu baden. Und an einem Tag wollten wir nach Rügen, mindestens um meine Serie mit den Schmalspurbahnen fortzusetzen. (Das fing ja mal an mit „immer im Winter“, wurde „immer im ersten Halbjahr“ und ist nun offiziell nur noch „jedes Jahr“. Auch gut.) Auf Rügen fährt der Rasende Roland, eine Schmalspur-Dampfbahn, und mit der wollten wir einmal hin- und zurückfahren, nach Anreise mit dem Schiff, dass uns von Peenemünde nach Gören hätte bringen sollen. Nach Peenemünde bringt uns der Zug. Meine bessere Hälfte hatte für die Schifffahrt das Kombiticket, auf dem die Zugfahrkarte aufgedruckt war, und kurz nach der Kontrolle kurz nach der Abfahrt in Heringsdorf sehen wir die Zugbegleiterin am Handy reden, und hören die Worte „Schiff fällt aus, ok“ und „ich sage dann den Leuten Bescheid“. Nun, letztlich entschieden wir uns dann, eben mit der Bahn nach Rügen zu fahren, auch wenn das wesentlich öfteres Umsteigen bedingte; und so fuhren wir eben den Rasenden Roland von der anderen Richtung aus ab. Göhren war dann nicht Anfangs- sondern Umkehrpunkt, und nach einer kurzen Stärkung fuhren wir bis Binz, liefen zum Bahnhof der großen Bahn und fuhren von dort wieder nach Heringsdorf zurück. So kam ich, vier Jahre nachdem ich Binz einem Abstecher nach Usedom geopfert habe, doch noch dorthin.99 1784-0 bei Einfahrt nach Lauterbach Mole

Die Eule war ähnlich begeistert wie ich, in die Kamera statt aus dem Aussichtswagen gucken zu müssen!
Die Eule war ähnlich begeistert wie ich, in die Kamera statt aus dem Aussichtswagen gucken zu müssen!

99 4011-5 in Sellin Ost

Am letzten Tag war schlechtes Wetter angekündigt, aber wir konnten dennoch morgens in der prallen Sonne am Strand liegen und baden (nachmittags war der Strand ok, aber zum Baden zu kalt). Bei der Rückfahrt verlief alles planmäßig, nur auf dem Abschnitt Wolgast – Züssow war es sehr kuschelig, aber immerhin musste ich mein Ticket nicht rauskramen, weil die Zugbegleiterin mich wiedererkannt hat – und gleich gefragt hat, ob wir denn das Geld für die Schiffstour wiederbekommen haben: Haben wir, und zwar inklusive des Zugaufschlages, obwohl das Ticket ja schon in der Kontrolle abgestempelt wurde.

Kein Ulysses mehr! Dafür mal wieder viel Papier.

Ulysses habe ich dann irgendwann aufgegeben. Durch das erste Kapitel habe ich mich lange durchgekämpft, aber das hat mir dann gereicht. Ich hatte allerdings schon vor längerer Zeit ein anderes, echtes, Buch gelesen, das mir und meiner besseren Hälfte zum letzten runden Geburtstag geschenkt wurde: Kim & Struppi – Ferien in Nordkorea, in dem Autor Christian Eisert von einer Urlaubsreise nach Nordkorea berichtet, für die er verschwiegen hatte, dass er eigentlich Witzeschreiber und seine Begleiterin Than, nicht Sandra heißt. Im Buch sind auch Bilder abgedruckt, die er nicht hätte machen dürfen, und so schreibt er ein eindringliches, schönes Portrait von dieser Nation, von der wir so wenig wissen. Er garniert die Erzählung seiner Rundfahrt und die Nacherzählung der Informationen, die er von seinen Fremdenführern bekommen hat, mit unabhängig davon später in Europa recherchierten Informationen, Einordnungen und Richtigstellungen. Das Buch schließt mit dem Bedauern, dass er wohl niemals mehr in dieses Land reisen können wird, nun, dass er sich öffentlich zu der Lüge, mit der er ins Land gekommen war, bekannt hat. Witzig geschrieben, und auf jeden Fall lesenswert.

Auf dem Rückweg von einer eigenen Urlaubsreise (mehr davon auch bald) musste ich dann meinen Kindle verleihen, sodass ich das einzige vorhandene Papierbuch gelesen habe, und ein zweites Mal hat mich die Geschichte von Dodger sehr mitgerissen. Schließlich haben wir von einer anderen Kurzurlaubsreise nach Kiel das Buch Auf High Heels in den Kreißsaal von Lucie Marshall bekommen. Das Buch handelt von der Zeit zwischen der Erkenntnis einer 36-jährigen Moderatorin, dass sie eigentlich schnell schwanger werden will, bis zum zweiten Geburtstag ihres Kindes. Das Buch erzählt die kleinen und großen Katastrophen und die kleinen und großen Erfolge während dieser Zeit nach.

Sie geben 101 Prozent

Wir geben 100 %, Sie geben 1%. Das ist ein Slogan, mit dem Hessens Beamte aktuell für mehr Lohn kämpfen. Die Forderung ist, dass nach einer Nullrunde 2015 mehr als 1 % Lohnsteigerung in 2016 folgen sollen. Bevor ich irgendwas anderes schreibe: Die Forderung halte ich für gerechtfertigt.

Der Slogan ist allerdings nicht berechtigt, sondern eine riesige Mogelpackung.

Fangen wir bei dem Offensichtlichsten an: Erstmal insinuiert der Slogan, dass 1 % ja viel weniger sind als 100 % – ist die Forderung also, dass die Leistung – 100 % – und die Lohnsteigerung gleich hoch sein sollen? Ist die Forderung also 100 % Lohnsteigerung? Das ist sie nicht*. Dass diese beiden Zahlen nebeneinandergestellt werden, ist also eine Werbemasche.

Aber ich habe viel mehr ein Problem damit, dass die Aussage „Sie geben 1 %“ faktisch falsch ist, denn das ist nur das „mehr“. Ein ehrlicher Slogan wäre also: „Wir geben 100 %, Sie geben 101 %“. Ja: es geht immerhin um eine Lohnsteigerung. Wie gesagt, die Forderung halte ich für gerechtfertigt, aber ich denke, man sollte sich gute Argumente dafür zurechtlegen. Wann sind denn Lohnsteigerungen (von Gehaltsgruppen, keine Beförderungen) gerechtfertigt?

Ich habe da mehrere Ideen:

  • Produktivität ist gestiegen
  • Lebenskosten sind gestiegen (also die Inflation)
  • Umsatz des Arbeitgebers ist gestiegen – im Fall der Beamten wäre das wohl die Steuerquote des Landes

Nun sagt der Slogan, dass die Produktivität nicht gestiegen ist* (oder haben die Beamte vorher nicht 100 % gegeben?). Bleibt die Steuerquote, für die ich keine Angaben finde, und die Inflation. Da es um die beiden letzten Jahre geht, vergleiche ich Juni 2014 (107,3% ggü. 2010) mit Juni 2016 (106,7 % ggü. 2010) und komme bei einer Preissteigerung von 0,56 % heraus. Die vorgeschlagene Lohnerhöhung liegt also über der Inflation, und zwar um 0,43 %.

Inflationsbereinigt wäre der Slogan also: „Wir geben 100 %, Sie geben 100,43 %“. Man kann natürlich gerne die Lohnsteigerungen der letzten 5, 6, 29, was auch immer Jahre nehmen und diese Analyse wiederholen. Aber dann sollte man das eben tun, und nicht so idiotische Vergleiche anstellen.

*: Ich gehe hier überall davon aus, dass der Slogan nicht bedeuten soll, dass sich die Produktivität verdoppelt hat, also um 100 % angewachsen ist. Wenn das die Aussage sein soll, dann habe ich ganz andere Probleme mit der Kampagne.

Gruppenverhalten

Es ist mal wieder Zeit für ein bisschen Fußball. Aktuell ist der dritte Spieltag der Europameisterschaft der Männer; heute abend „kämpft“ das deutsche Team um den Einzug ins Achtelfinale – allerdings reicht schon ein 0:1 zum Weiterkommen (als Gruppendritter). Das erste Turnier, das ich bewusst miterlebt habe – allerdings eigentlich erst ab dem Achtelfinale – war die WM 1994 in den USA. Das war auch das bisher letzte Männerturnier mit sechs Vierergruppen, und damals gab es gleich zwei Gruppen, in denen die drittbeste Mannschaft 2 Siege geschafft hat. Gleichzeitig gab es eine Gruppe, in der alle Mannschaften gleich viele Punkte hatten.

Die aktuelle Meisterschaft hat wieder sechs Vierergruppen mit anschließendem Achtelfinale, sodass wieder vier der sechs Dritten weiterkommen können. Der deutsche Bundestrainer, Jogi Löw, lamentierte vor ein paar Tagen über dieses System, dass „manche Mannschaften, die nach dem zweiten Spieltag einen Punkt haben, […] noch immer eine Chance auf das Achtelfinale [haben]“. Nun teile ich Löw’s Kritik an dem System – ich finde auch, dass das Weiterkommen aus einer Gruppe nur an den Ergebnissen aus dieser Gruppe hängen sollte, und dass nicht 24 von 55 Mitgliedern der UEFA ihre Auswahlen zur EM schicken sollten/müssen und dass nicht 16 der 55 Mitgliedsverbände in die K.O.-Runde kommen müssen – aber auch bei einem System, in dem nur die ersten Beiden weiterkommen, gibt es mögliche Konstellationen, in denen ein Team mit 0 Punkten nach zwei Spielen noch Hoffnung haben kann. Das wäre das Gegenteil der Gruppen, in denen der Dritte 6 Punkte hat (wie eben bei der WM 1994: Ein Team verliert alle Spiele, und die übrigen drei Teams gewinnen gegeneinander jeweils ein Spiel: Ergibt 6, 6, 6 und 0 Punkte), nämlich dass ein Team alles gewinnt und die anderen drei gegeneinander jeweils ein Spiel gewinnen, sodass das Ergebnis 9, 3, 3 und 3 Punkte ist.

Das war für mich Stein des Anstoßes, mal die Wikipedia-Artikel zu allen Fußballwelt- und -europameisterschaften zu durchforsten und zu zählen, wie oft solche „bizarren“ Konstellationen auftauchen. (Und die anderen Konstellationen habe ich selbstverständlich auch gezählt.) Rausgekommen ist folgende Tabelle:

Punkteverteilungen aller 4er-Gruppen in Fußball-EM und -WMs. Ergebnisse „alter“ Gruppen sind auf das aktuelle 3-Punkte-System umgerechnet. Die erste Spalte zeigt die Punkte von Gruppenerstem, -zweitem, -dritten und vierten, die zweite Spalte die Häufigkeit, mit der das aufgetreten ist.
Punkteverteilungen aller 4er-Gruppen in Fußball-EM und -WMs. Ergebnisse „alter“ Gruppen sind auf das aktuelle 3-Punkte-System umgerechnet. Die erste Spalte zeigt die Punkte von Gruppenerstem, -zweitem, -dritten und vierten, die zweite Spalte die Häufigkeit, mit der das aufgetreten ist.

Dabei sind die Vierergruppen von 1954 nicht enthalten, weil diese damals nicht komplett ausgespielt wurden, aber dafür in 1974 und 1978 die Vor- und Zwischenrunde. Die häufigste Konstellation ist die mit der klarsten Hackordnung: Der Beste gewinnt alles, der zweitbeste gewinnt gegen die beiden schlechteren, und der letzte verliert alles. Es sind noch nie alle 6 Spiele Unentschieden ausgegangen (das wäre die letzte Zeile).

Aus den gleichen Daten habe ich ausgelesen, wie oft ein Gruppenerster eigentlich 9, 7, 6, 5, 4 oder 3 Punkte hatte, und entsprechend für die anderen Platzierungen:

Punkteverteilungen aller 4er-Gruppen in Fußball-EM und -WMs. Ergebnisse „alter“ Gruppen sind auf das aktuelle 3-Punkte-System umgerechnet.
Punkteverteilungen aller 4er-Gruppen in Fußball-EM und -WMs. Ergebnisse „alter“ Gruppen sind auf das aktuelle 3-Punkte-System umgerechnet.

Das häufigste Ergebnis für den Gruppensieger sind also 7 Punkte, für den Gruppenzweiten 6 oder 4, für den Dritten 3 oder 4, und für den letzten 0 oder 1 Punkte. Aber, und das finde ich wichtig, die (historische!) Wahrscheinlichkeit für einen Gruppendritten mit einem Punkt (der Vierte hätte dabei übrigens auch einen Punkt) ist 10/165. Das kann zum Weiterkommen reichen, wenn das Gleiche in zwei anderen Gruppen vorkommt, sodass es zwei Gruppendritte mit einem Punkt gibt, deren Torverhältnis schlechter ist. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist (10/165)³, oder etwa 0,02%. Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Mannschaft als Gruppendritter 5 oder 6 Punkte hat, 3%; diese würden in dem System, wo nur die ersten beiden weiterkommen, rausfliegen. (Von den 5 Mannschaften mit diesem Schicksal sind Schottland 1974, Algerien 1982 und Italien 2004 rausgeflogen, während Argentinien und Belgien 1994 von dem Modus profitiert haben.)

Ich rede dabei von ‚historischer‘ Wahrscheinlichkeit, weil das natürlich davon ausgeht, dass die Gruppenergebnisse heute genauso wahrscheinlich sind wie vor 86 Jahren. Das kann zwar durchaus sein, die Datenbasis ist aber zu klein, um das wirklich sagen zu können. Sehr große Qualitätsunterschiede zwischen den Mannschaften würden zum Beispiel Gruppen mit 9 Punkten für den Ersten und/oder 0 Punkten für den Letzten bevorzugen.

Fahrradstatistik

Ich schreibe ja immer mal wieder was darüber, wie viel Fahrrad ich fahren will und wie viel ich tatsächlich gefahren bin. Nun habe ich mal alle diese Blogartikel und meine Reisetagebücher gewälzt und die seit Anfang letzten Jahres gesammelten wöchentlichen Aufzeichnungen, und habe eine hübsche Grafik daraus gemacht. Diese werde ich versuchen, aktuell zu halten:

Die Daten fangen an meinem 19. Geburtstag an (das ist aber links außerhalb der Grafik), als ich ein neues Fahrrad geschenkt bekommen habe. Die ersten wirklichen Daten sind von einer Fahrradtour mit einer Kommilitonin, Caro B., und ihrem Bruder von Frankfurt zur Ostsee im September 2005, dann kam mein Jahr in Norwegen, die Fahrt am Rhein, meine Radtour vom Nordkapp, ein neues Fahrrad in 2013, und dann die wöchentlichen Aufzeichnungen (in denen man sowohl die Wochen erkennen kann, in denen ich in Malaŵi war und daher nicht gefahren bin, als auch den Umzug nach Kassel).

Jeder Punkt ist anklickbar und führt, soweit vorhanden, zu dem Blog-Artikel aus dem diese Angabe stammt oder der über die jeweilige Tour berichtet. Die grünen Flecken fassen einzelne Punkte zusammen. Vielleicht werde ich da in den nächsten Tagen auch noch ein paar Extra-Features einbauen; aktuell werde ich es auf jeden halten.

Aber ich habe doch recht!

Für Stuttgart 21 gab es einen „Stresstest“, laut dem ein Bahnhof, der nicht gebaut werden soll (10 Gleise statt 8), mit einer Technik, die es nicht gibt (eigentlich dauert es 30 Sekunden, bis Gleisabschnitte freigegeben werden), problemlos einen Fahrplan, der nicht gefahren werden soll, bewältigen kann. Die Medien haben aber die Geschichte der Deutschen Bahn („Stuttgart 21 besteht Stresstest“) geglaubt, die Gegner haben es nicht geschafft, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass der geplante Bahnhof den Test eben nicht bestanden habe und das wirkliche Bauvorhaben eben immer noch genau so desaströs zu werden droht, wie schon immer befürchtet. Der Volksentscheid wurde verloren, Stuttgart 21 wird gebaut.

So eine ähnliche Situation kann man aktuell in den USA sehen: Bernie Sanders bewirbt sich für die Nominierung der Demokraten und tritt dabei gegen Hillary Clinton an. (Es gab Anfangs noch vier andere Kandidaten, die aber mittlerweile aufgegeben haben.) Sanders gilt als sehr links, bezeichnet sich selbst als demokratischer Sozialist, während Clinton als Establishment und als moderater gilt; beide haben sich, als sie gemeinsam im Senat waren, bei etwa 93% der Abstimmungen gleich verhalten. Die haben Medien schon lange, bevor irgendwer gewählt hat, Clinton als Favoritin ausgemacht, und von den etwa 15% der Delegierten auf dem Parteitag (713 von 4765), die als Parteifunktionäre nicht gewählt sind, haben sich sehr viele schon vorher auf Clinton festgelegt.

Dann kommt noch die unglückliche Tatsache, dass die Partei im Vorfeld verhindern wollte, dass es zu viele Debatten geben würde – die Idee ist, dass man, je weniger man unter Demokrat*innen diskutiere, sich weniger gegenseitig kritisieren und demontieren würde. In der Hauptwahl gegen die Republikaner könnten diese also weniger „die Demokraten denken ja selbst, dass ihr(e) Kandidat(in) nichts taugt“ sagen. Gleichzeitig verhindert das, dass unbekannte Kandidaten (eben Sanders) bekannter werden. Kurz: die Ausgangssituation hat Clinton sehr bevorzugt.

Nun sind die Vorwahlen fast durch; heute wählen noch die letzten Staaten, bevor nächsten Dienstag auch der District of Columbia seine letzten Delegierten bestimmt. Clinton führt in jeder denkbaren Sichtweise:

  • Gebundene Delegierte (also die, die durch die Wahlen festgelegt wurden),
  • Anzahl der gewonnenen Staaten,
  • Wählerstimmen gesamt,
  • freie Delegierte (die vorgenannten Superdelegierten).

Entscheidend ist die Anzahl der freien + gebundenen Delegierten. Aber natürlich kann man das (vollkommen richtige!) Argument anführen, dass die Superdelegierten undemokratisch sind, also kann man auf gebundene Delegierte und Wählerstimmen gucken.

In beiden, vom Volk bestimmten, Maßen ist Clinton vorne, und zwar nicht nur knapp. Clinton könnte Kalifornien heute Abend mit 50%-Punkten verlieren und hätte immer noch eine Mehrheit an Delegierten; die 3 Millionen Stimmen Vorsprung kann Sanders praktisch gar nicht mehr einholen. Die Umfragen für Kalifornien sagen einen Sieg für Clinton (zwischen 2% und 18%) voraus.

Sanders (und vor allem seine Unterstützer) sind aber der Meinung, doch noch die Nominierung bekommen zu können. Wie? Man werde die Superdelegierten überzeugen, ihre Meinung zu ändern. (Ich sollte nicht unerwähnt lassen, dass Superdelegierte für die Sanders-Kampagne am Anfang das Böse schlechthin waren, so lange, wie es nicht praktisch unmöglich war, eine Mehrheit der freien Delegierten zu gewinnen.)

Aus deutscher Sicht war es lange Zeit schwer verständlich, warum Sanders in Amerika für radikal gehalten wird; in der Tat sind die meisten seiner Forderungen in Deutschland praktisch gar keine Streitthemen. Aber an seiner Reaktion auf die tatsächlichen Wahlergebnisse sehe ich einen alarmierenden Aspekt: die Überzeugung, dass man doch eigentlich besser geeignet wäre, die Demokraten bei der Präsidentschaftswahl zu vertreten, dass die eigenen Positionen doch eigentlich die besseren seien, führt dazu, dass man die Wahl ignorieren will. Weil man es besser wisse als die Wähler, die schlecht informiert waren, denen viel zu lange erzählt wurde, dass Clinton ja sowieso gewinnen würde. Das ist für mich auf jeden Fall radikal, und, ja, ich halte das auch für gefährlich. „Meine Meinung ist wichtiger als die Mehrheitsmeinung“ ist per Definition undemokratisch.

Woher kommt aber dieses Festhalten an diesen Strohhälmen? Wie kann man einen solchen Affront gegen alle Wähler*innen fordern – abgesehen von der symbolischen Wirkung, wenn eine mit großem (!) Vorsprung gewählte Frau die ihr dadurch zustehende Position nicht bekommen würde, sondern ein alter, weißer Mann ihr bevorzugt würde? Auch, wenn viele Sanders-Anhänger sie als korrupt bezeichnen, als zu konservativ, oder glauben, dass sie ob ihres Umgangs mit e-Mails als Außenministerin offiziell angeklagt wird, wird Clinton die Kandidatin sein. Und nicht, weil sie so viele Superdelegierte auf ihrer Seite hat, sondern weil sie so viele Stimmen bekommen hat. Weil so viele Leute der Meinung waren, sie sei die bessere Wahl. Vielleicht haben viele davon gar nicht geglaubt, dass sie wirklich als Präsidentin einem Präsident Sanders vorzuziehen ist; vielleicht war vielmehr ausschlaggebend, dass die Nachteile einer Präsidentin Clinton gegenüber einem Präsidenten Sanders dadurch aufgewogen werden, dass die Wähler geglaubt haben, ein Sieg Clintons gegen die Republikaner (wir wissen jetzt: Trump) sei viel wahrscheinlicher als ein Sieg von Sanders, und dass die Wähler daher nicht so sehr Clinton gegen Sanders sondern vielmehr {Clinton gegen Trump} gegen {Sanders gegen Trump} abgewägt haben. Vielleicht wurde diese Abwägung uninformiert getroffen, vielleicht haben sich die Wähler geirrt. Vielleicht gab es andere Gründe für das Wahlverhalten. Diese ganzen Vielleichts sind aber unwichtig, denn beim Ergebnis ist kein Vielleicht übriggeblieben.

Der Kampf um Superdelegierte ist nun zu einem Kampf derjenigen geworden, die von ihrer Meinung so überzeugt sind, dass sie nicht wahrhaben wollen, dass ihre Positionen nicht mehrheitsfähig sind, oder zumindest einfach keine Mehrheit bekommen haben. Ähnlich, wie die Gegner von Stuttgart 21 keine Mehrheit bekommen haben, und auch da gibt es immer noch Hardliner, die das nicht wahrhaben wollen. Es werden Verschwörungen gewittert: auch wenn die genauen Beteiligungsregeln in den Vorwahlen in manchen Bundesstaaten extrem merkwürdig sind (in New York zum Beispiel musste man sich ein halbes Jahr vor der Wahl bei der richtigen Partei registrieren), sind sie alle schon so lange gültig, dass man keine akute Bevorzugung von Clinton hineininterpretieren kann. Über Vorwahlen, in denen nur registrierte Demokraten wählen durften, wurde sich lauthals beschwert, weil viele von Sanders‘ Unterstützern eben keine registrierten Demokraten sind (und, in der Tat, Sanders hat bei „offenen“ Vorwahlen besser abgeschnitten als bei „geschlossenen“). Über Caucuses, eine sehr komplizierte Art der Vorwahl, die sich vor allem durch eine sehr kleine Wahlbeteilgung auszeichnen und die für Sanders sehr viel besser ausgegangen sind, wurde sich jedoch nicht beschwert. (Eine sehr nette Analyse der bisherigen Wahlergebnisse zeigt, dass Clinton wesentlich mehr durch Caucuses geschädigt wurde als Sanders durch geschlossene Vorwahlen; wenn alle Staaten freie Vorwahlen hätten, wäre Clinton’s Vorsprung noch ein wenig größer.)

Nun bin ich also schon wieder an einem Punkt, an dem falsche Hoffnungen geschürt werden, an dem demokratische Entscheidungen nicht akzeptiert werden können, an dem Betrug gewittert wird, wo es einfach nur nicht genügend Gleichdenkende gibt. In dem Fall hier hoffe ich, dass sich genügend Sanders-Wähler bei den Hauptwahlen im November aufraffen werden, um zu verhindern, dass Donald Drumpf der mächtigste Mann der Welt wird. Ich bin mir sehr sicher, dass Hillary Clinton eine wesentlich bessere Wahl ist.

Gleispläne

In meiner Kategorie „Selbstgemacht“ fehlen aus irgendwelchen Gründen die beiden Dinge, die ich am häufigsten aktualisiere:

Seit 2009 unterhalte ich einen Gleisplan der U-Bahn Frankfurt, und seit 2011 einen Gleisplan der Frankfurter Straßenbahn, die es in abgespeckter Version auch bei Wikipedia gibt. Durch die tatkräftige Unterstützung der Mitglieder im Frankfurter Nahverkehrsforum gelingt es auch ganz gut, diese beiden Pläne aktuell und korrekt zu halten.

Wie die anderen Dokumente, die ich veröffentliche, stehen beide Pläne unter der CC-Lizenz BY-SA, Version 4.0. Das bedeutet vereinfacht gesagt, jeder darf diese Bearbeitungen weitergeben und verändern, solange er oder sie mich als Autor der ursprünglichen Bearbeitung nennt (dafür steht das BY) und jedem die genau gleichen Rechte einräumt (Share Alike, SA).

Dagegen sein und falsche Hoffnungen

In Deutschland werden, allem Investitionsstau zum Trotz, viele öffentliche Bauprojekte geplant oder durchgeführt. Bei den allermeisten davon gibt es Befürworter und Gegner. Von einer Gruppe Beispiele habe ich erst kürzlich geschrieben; heute bin ich am Schauplatz eines anderen Konfliktes vorbeigefahren.

Konkret geht es um den Ausbau der Main-Weser-Bahn zwischen Frankfurt West und Bad Vilbel. Der Plan der Bahn: Zwei Gleise für die S-Bahn zu schaffen, so dass diese sich ihren Fahrweg nicht mehr mit anderen Zügen teilen muss. Dadurch könne, so die Hoffnung der Befürworter, der S-Bahn-Verkehr stabiler und besser werden. Die Gegner führen an, dass die S6, die dort fährt, jetzt schon eine der pünktlicheren Linien sei und die Verspätungsproblematik der Frankfurter S-Bahn viel mehr an der Stammstrecke zu suchen sei. Außerdem besteht die Befürchtung, dass nach dem Ausbau mehr (laute) Güterzüge durch die Wohngebiete entlang der Strecke fahren würden, vor allem Nachts. Nun teile ich die Argumente der Gegner nicht und bin der Meinung, dass der Ausbau längst überfällig ist, aber ich will eigentlich gar nicht über dieses spezielle Projekt reden, sondern über den Umgang mit Kritik an Großprojekten allgemein.

Im vorliegenden Fall tut sich eine Bürgerinitiative sehr hervor, deren Name ein Wortwitz zwischen „Bahn“ und einer gelben Staudenfrucht ist. Diese – und eine andere Gruppe, die „2 statt 4“ propagiert hat – organisiert den Widerstand derer, die durch den Ausbau zwar betroffen sind, von ihm aber praktisch nicht profitieren: vor allem Anwohner in Frankfurt, die auch jetzt schon andere schnelle Möglicheiten haben, in die Innenstadt zu kommen, und sammelt fortwährend Geld für noch mehr Einsprüche und noch mehr Klagen. Das ist natürlich deren gutes Recht.

Doch das Recht in Deutschland kennt auch Entscheidungen, und es besteht mittlerweile Baurecht. Die ersten Bauaufträge sind vergeben, die Bagger werden bald anrollen. Der Kampf um das „ob“ ist verloren. Es sind immer noch Klagen und Einsprüche anhängig, bei diesen geht es aber nur noch um Detailfragen des „wie“; sie haben keine aufschiebende Wirkung.

Nun interessiere ich mich sowieso für diese Angelegenheit, aber seit ich vor 5 Jahren in den Ortsbeirat eines benachbarten Stadtteils gewählt wurde, stehe ich auf dem E-Mail-Verteiler dieser Gruppe und erhalte daher regelmäßig „Neuigkeiten“ und „Informationen“. So kam – ich habe die allermeisten Mails von denen recht schnell wieder gelöscht, kann daher also nicht mehr genau nachgucken – etwa jährlich eine alarmistische E-Mail darüber, dass die Bahn schon „Fakten schaffen!!“ würde, weil sie Bäume und Sträucher entlang der Strecke abgeholzt hat. Dieses mal sei es viel schlimmer als sonst, lese ich da jedes Mal. Immer verbunden mit der Aufforderung, weiterzukämpfen und bitte für die Einreichung der nächsten Klage zu spenden. Mindestens die letzte solche Mail kam durchaus in der Zeit, in der die Bahn das Recht hatte, „Fakten zu schaffen!!“. Die Initiative behauptet auch heute noch, dass ihre Klagen aufschiebende Wirkungen hätten – und auf eine verdrehte Weise haben sie recht: Die aktuellen Rechtsstreite drehen sich um kleine Teile des Gesamtprojektes, die nachgebessert werden müssen, und die Realisierung dieser Teile wird aufgeschoben. Der Großteil des Gesamtvorhabens kann aber umgesetzt werden: Es besteht Baurecht. Und hierbei wird die Initiative ihren Anhängern gegenüber unredlich. Denn diese interessieren sich vielleicht nicht mehr für die Verbesserung des Erschütterungsschutzes für zwei Häuser, denken aber, dass der Rechtsstreit um das entsprechende Gutachten den gesamten Bau noch verzögern und letztlich verhindern könne. Somit wird diese Gruppe zum Selbstzweck, der einfach nur das beschlossene Projekt möglichst teuer machen und sich selbst gut fühlen will. Würden die SprecherInnen dieser Gruppe ehrlich den Stand wiedergeben, hätten sie sehr wahrscheinlich wesentlich weniger Zulauf.

Nun will ich hier nicht die ganze Zeit bashen. Aber als ich vorhin in der S6 saß, ist mit klar geworden, dass es auch das Gegenteil gibt. Grüne sind auch oft gegen Großprojekte. In Stuttgart gab es vor fünf Jahren auch nach einer sehr erfolgreichen Landtagswahl keine politische Mehrheit gegen den Tunnelbahnhof, und in Frankfurt gibt es regelmäßig große Mehrheiten für den Flughafen und alles, was damit zu tun hat – bei Gegenstimmen der Grünen (und, seit sie relevant sind, der Linken). Eines dieser Projekte ist recht aktuell: Der Bau eines neuen Terminal 3. Politisch Verantwortlich ist der hessische Verkehrsminister, und das ist nun ein Grüner. Die Grünen wollten das Terminal 3 verhindern und haben dies im Wahlkampf auch durchaus deutlich so vertreten. Nicht sehr deutlich wurde auch gesagt, dass die Politik alleine keinen Einfluss mehr hat. Nach der Wahl kommt bei vielen die Ernüchterung: Der Einfluss des Verkehrsministers beschränkt sich darauf, im Aufsichtsrat von Fraport gegen den Bau zu stimmen. Aber: es besteht Baurecht. Die Fraport hat das Recht, zu bauen. Nun hätte man natürlich Gerichtsverfahren anstrengen können, von denen man genau weiß, dass sie nichts bringen werden, und noch nicht mal den Bau verzögern würden. Hat man aber nicht. Ebenso wurde nach der Volksabstimmung über Stuttgart 21 kein Widerstand mehr geleistet, denn die Entscheidung war gefallen.

Für mich zeigt dass, dass die Grünen eine Partei der Verantwortung sind. Und nicht nur der persönlichen Verantwortung, sondern einer gesellschaftlichen Verantwortung. Andere haben die Baugenehmigung für das Terminal 3 gegeben, andere haben die Finanzierungsvereinbarung für Stuttgart 21 getroffen. Aber wo die Grünen in die Regierungsverantwortung kommen, werden sie dieser Verantwortung gerecht, auch wenn das bedeutet, Projekte zu leiten, die man selbst für falsch, widersinnig, teuer hält. Auch, wenn das bei manchen WählerInnen den Eindruck hinterlässt, man setze sich nicht genügend für die eigenen Ziele ein. Auch, wenn man dann so dasteht als hätte man seine Ziele verraten: immerhin kann man sich nun auf andere Kämpfe, die man gewinnen kann, konzentrieren. Man kann natürlich gegen die eigene Regierungspolitik Opposition machen, wie das scheinbar auf Bundesebene aktuell en vogue ist. Sinnvoller ist es, ehrlich einzugestehen, wenn man etwas nicht mehr verhindern kann. Auch wenn’s weh tut.

Dowland

Das Gitarrenenorchester GOMP hat 2016 zwei weitere Bearbeitung von mir aufgeführt, von Stücken, die gemeinfrei sind. Diesmal waren die „neuen“ Stücke von John Dowland, ich stelle sie wie immer hier frei(*) zur Verfügung:

  1. Can She Excuse My Wrongs
  2. Clear Or Cloudy

Auch hier gelten die Erläuterungen zu Urheberrecht und Auftritten, die ich seinerzeit zu Peer Gynt geschrieben habe.

„frei(*)“ heißt, ich veröffentliche sie unter der CC-Lizenz BY-SA, Version 4.0. Das bedeutet vereinfacht gesagt, jeder darf diese Bearbeitungen weitergeben und verändern, solange er oder sie mich als Autor der ursprünglichen Bearbeitung nennt (dafür steht das BY) und jedem die genau gleichen Rechte einräumt (Share Alike, SA).